Katakombenkirche

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Hl. Hieromärtyrer Theodor (Pozdejewskij)
Hl. Hieromärtyrer Joseph (Petrowykh)
Hl. Hieromärtyrer Kyrill (Smirnow)
Hl. Hieromärtyrer Andrej (Ukhtomskij)
Hl. Hieromärtyrer Arsenius (Schadanowskij)
Hl. Hieromärtyrer Seraphim (Zwezdinskij)
Hl. Hieromärtyrer Alexios (Buj)
Hl. Hieromärtyrer Athanasios (Sakharow)
Bischof Bartholomeus Remow

„Katakombenkirche“ ist ein Sammelbegriff (häufig auch die Eigenbezeichnung) für Gemeinden von russischen orthodoxen Geistlichen und Laien, die aus verschiedenen Gründen in den Untergrund gegangen waren.

Die Entstehung der illegalen Katakombengemeinden innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche war die Antwort die Kirche auf die radikale antireligiöse Politik des sowjetischen Staates, welche die massive Verhaftung und Vernichtung der Geistlichen vorsah. Die Bildung von konspirativen Kirchenstrukturen hatte zum Ziel, die apostolische Kontinuität der Handauflegung (= Cheirotonie) durch geheime Priester- und Bischofs-Chirotonien vor der Vernichtung zu bewahren. Der Übergang zur illegalen Existenz ermöglichte es auch, die Möglichkeit zur Zelebrierung von Gottesdiensten aufrechtzuerhalten und die orthodoxe Herde vor Verfolgung zu schützen. Die ersten „Katakombengemeinden“ entstanden nach der Veröffentlichung des Appels von Patriarch Tichon vom 19.01.1918, in dem er die Verfolger der russischen Orthodoxie anathematisierte. Zu den weiteren Faktoren gehörten die Entstehung von konspirativen Kirchenstrukturen, die Verhärtung der antireligiösen Verfolgung, der Widerstand gegen die Kampagne zur Konfiszierung kirchlicher Wertgegenstände, der Widerwille gegen einen offenen Konflikt mit der (durch die bolschewistische Regierung unterstützten) Erneuerer-Kirche sowie auch die scharfe Kritik an der Politik des Kompromisses mit der kommunistischen Regierung von Seiten des Metropoliten Sergius (Stragorodskij) von Nischni Nowgorod, dem Stellvertreter des Patriarchenstatthalters.

In Bezug auf das Moskauer Patriarchat unterscheiden sie sich in zwei entgegengesetzte Gruppen. Die eine Gruppe bestand aus jenem Teil der Geistlichen und Laien, denen in den 1920er und 1930er Jahren die Möglichkeit genommen wurde, die religiösen Riten offen darzubringen, und die daher im Untergrund wirkten. Die Tatsache, dass während des Krieges viele Kirchengemeinden offiziell wiedereröffnet wurden (vor allem auf den durch die Deutschen okkupierten Territorien), spricht dafür, dass eine große Anzahl bereits vorher faktisch existiert hatte, aber offiziell nicht registriert gewesen war und erst unter den neuen Bedingungen aus dem Untergrund hervortraten.

In den darauffolgenden 1940er und 1950er Jahren musste die Ordination von Gemeindepriestern durch die sowjetischen Behörden bewilligt werden, und so wurden nicht alle Priester einer Gemeinde zugewiesen. Solche Priester, die nicht registriert worden waren oder denen die Registration entzogen wurde, wurden inoffizielle „Wanderpriester“ und dienten in abgelegenen Dörfern, in denen es keine Kirchen gab. Dort vollzogen sie Taufen, Trauungen und Aussegnungen, was den Gläubigen, die dadurch nicht weit entlegene Gotteshäuser besuchen mussten, sehr recht war. Solche Priester brachen, auch wenn sie inoffiziell wirkten, ihre kanonischen und liturgischen Verbindungen zur Patriarchenkirche nicht ab. Die Gläubigen, die sich an solche Priester wandten, hielten sich für legitime Kinder der Orthodoxen Patriarchenkirche. Als in den 1940er Jahren das offizielle Kirchenleben wiederbelebt wurde, wurden viele Katakombengemeinden zu Gemeinden noch bestehender Gotteshäuser ,,oder sie beantragten die Öffnung einer geschlossenen Kirche.

Die zweite Gruppe vereinigte jene Geistlichen und Laien, die die liturgische, administrative und kanonische Gemeinschaft mit der Orthodoxen Patriarchenkirche abbrachen und wegen der loyalen Stellung der Obersten Kirchenleitung zum Sowjetischen Staat deren Priestertum nicht mehr anerkannten. Diese Gruppen hatten sich bereits in den ersten Jahren nach der Revolution gebildet, brachen ihre Verhältnisse mit dem Moskauer Patriarchat aber erst, nachdem die “Loyalitätserklärung“ ("Декларацияолояльности"), unterschrieben vom damaligen Stellvertreter des Patriarchenstatthalters, Metropolit Sergius (Stragorodskij), 1927 veröffentlicht worden war.

Die Gründer der Katakombenkirche

Die erste organisierte und weitverzweigte Katakombenkirche, die auch die Bildung eines alternativen Synods beanspruchte und über eine beachtliche Gruppe von Erzbischöfen (über zehn) verfügte, entstand 1923 unter dem Einfluss des Hl. Erzbischofs Theodor (Feodor) (Pozdejewskij) von Wolokolamsk (Феодор (Поздеевский)), vormaliger Rektor der Moskauer Geistlichen Akademie. Seine Anhänger nannten sich Danieliten bzw. Danilowzy (даниловцы, nach dem Namen des Hl.-Daniel-Klosters zu Moskau. Außer ihm zählten zu den Gründern der Katakombenkirche: die Hl. Metropoliten Joseph (Iosif) (Petrowykh) (Иосиф (Петровых)) und Kyrill (Smirnow) (Кирилл (Смирнов)), die Hl. Erzbischöfe Andreas (Andrej) (Ukhtomskij) (Андрей (Ухтомский)), Arsenius (Schadanowskij) (Арсений (Жадановский)), Seraphim (Zwezdinskij) (Серафим (Звездинский)), Alexios (Buj) (Алексий (Буй)), der Hl. Bekenner Athanasios (Sakharow) (Афанасий (Сахаров)), Erzbischof Bartholomeus (Remow) (Варфоломей (Ремов)) und andere. Sie und ihre Anhänger hielten das sowjetische Regime für das Reich des Antichristen und hegten eschatologische Erwartungen. Sich selbst nannten sich „die wahrhaft orthodoxen Christen“ ("истинноправославные христиане"). Für ihre Weigerung, der Sowjetischen Regierung während der Gottesdienste zu gedenken, wurden die „wahrhaft orthodoxen Christen“ von Moskau oft „die Nicht-Gedenkenden“ («непоминающие») genannt. Die Mitglieder dieser Bewegung nannten sich selbst auch „Tichoniten“ («тихоновцы») – nach dem Namen des Patriarchen Tichon, der nach der unter kirchlichen Menschen verbreiteten Meinung die Sowjetische Regierung nicht anerkannt hatte.

Ursprünglich stellte die Bildung der Katakombengemeinden nicht immer ein Schisma dar, sondern war oft ein vorübergehendes Mittel des Selbstschutzes der Kirche unter den Bedingungen ihrer gezielten Vernichtung im sowjetischen Staat. Bei der diesbezüglichen Tauwetterperiode der sowjetischen Kirchenpolitik seit 1943 begannen sich solche Gruppen zu legalisieren und dem kirchlichen Leben des Moskauer Patriarchats anzuschließen. Viele Katakombengemeinden und ihre Geistlichen, meist Anhänger des Hl. Metropoliten Kyrill (Smirnow), die die Leitung der Russischen Kirche durch Metropolit Sergius (Stragorodskij) für nicht-kanonisch hielten, bemühten sich nach dessen Dahinscheiden und der Wahl des Patriarchen Alexios I. (Simanskij) um Versöhnung mit der Moskauer Patriarchie

Die Bewegung im Zeitraum von 1920 bis 1950

Bis zu den 1950er Jahren war die Bewegung der „wahrhaft orthodoxen Christen“ sehr weit verbreitet und zählte anscheinend mehrere zehntausend Menschen. Sozial gesehen bestand sie v.a. aus Geistlichen, Mönchen und selbständigen Landwirten, die sich weigerten, in Kolchosen einzutreten und in der Regel entkulakisiert und nach Sibirien verbannt wurden.

Auch wenn die Anzahl der „wahrhaft orthodoxen“ Untergrundgemeinden anscheinend mehrere Tausende zählte, schafften sie es nicht, nachdem sie den Schoß der Orthodoxen Kirche verlassen hatten, sich in eine organisierte Einrichtung mit gemeinsamer Ideologie und hierarchischer Struktur zu vereinigen. Die radikalen „wahrhaft orthodoxen“ Gruppen hatten die Absicht gemeinsam, mit der sowjetischen Gesellschaft und dem Staat so wenig wie möglich zu kooperieren. Deshalb weigerten sie sich, sowjetischen Ausweise und offizielle Arbeitsstellen anzunehmen, ihre Kinder in die Schule zu schicken, Militärdienst zu leisten, mit Geld umzugehen, mit Amtspersonen zu sprechen oder auch öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Während des Zweiten Weltkriegs nahmen manche „wahrhaft Orthodoxe“ die deutsche Armee sogar als Befreier wahr.

Priester, die die „Loyalitätserklärung“ von Metropolit Sergius nicht anerkannten, waren besonders heftigen Repressalien ausgesetzt. Ihnen war es auch nicht erlaubt, Gottesdienste zu zelebrieren. Dadurch fanden ihre Zusammenkünfte im Untergrund unter konspirativen Bedingungen statt. Der Charakter der Katakombengruppen hing von der politischen Situation in der jeweiligen Region ab. In den nördlichen Regionen bildeten sich die Gemeinden meist um Priester herum, während sich im Schwarzerdgürtel, wo fast der gesamte Klerus in den 1920er Jahren vernichtet wurde, die Laien ohne Priester zusammenschlossen, und manche (z.B. die Theodoriten (Fedorowzy)) erhoben die Priesterlosigkeit sogar zum Prinzip (Bespopowzy).Da es in diesen Gruppen im Laufe der Zeit immer weniger Priester gab, wurde ihre Rollen zunehmen durch ältere Frauen, quasi selbsternannten Nonnen, übernommen. Sie besorgten Aussegnungen, tauften, trauten, und manche nahmen auch die Beichte ab und spendeten die Kommunion.

Ohne gemeinsame Ideologie und hierarchische Struktur zerfiel diese Bewegung gegen Anfang der 1940er Jahre in einzelne Sekten. Auf diese Weise transformierte sich die Bewegung der „wahrhaft orthodoxen Christen“, die sich anfangs für konservativ erklärt hatte, in verschieden radikale Splittergruppen.

Repressionen

Heftige Repressionen gegen die „wahrhaft Orthodoxen“ gab es in unterschiedlichen Intensitätsgraden während der gesamten sowjetischen Zeit. Besonders heftig waren sie in den Jahren der Kollektivierung, des Stalinismus und Anfang der 1960er Jahre. Die letzte Welle der Repressionen war besonders stark nach einem Erlass Chruschtschows über den „Kampf gegen den Müßiggang“ (1961). Damit wurden mehrere Tausende „wahrhaft Orthodoxe“, die sich weigerten, offizielle Arbeitsstellen anzunehmen (sondern auf Vertragsbasis arbeiteten), eingesperrt oder verbannt.

1961 wurde die „Instruktion zur Anwendung der Kultgesetzgebung“ veröffentlicht, mit der die „wahrhaft Orthodoxen“ den Sekten gleichgestellt wurden, deren „Glaubenslehrer und Aktivitäten staatsfeindlich und fanatisch“ seien. Die Registrierung ihrer Gemeinden war verboten.

In den Jahren1961 und 1962 wurden fast alle aktiven Mitglieder der Katakombengemeinden verhaftet. Im Straflager weigerten sie sich nach wie vor zu arbeiten. In der Regel führte dies zu unbefristeter verschärfter Haftstrafe im Karzer, was noch in den 1970er Jahren für viele Menschen den Tod bedeutete.

Die weitere Geschichte der Reste der Katakombenkirche

In den 1960er und 1970er Jahren wurde die Katakombenbewegung durch Massenverhaftungen ausgeblutet. Auch durch das rasche Aussterben der Bauernschaft verlor der orthodoxe Untergrund seinen Massencharakter und floss teilweise in die offizielle Russische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats ein.

Unter den Bedingungen der relativen religiösen Freiheit, wie sie nach dem Fall des Kommunismus1991 herrschten, verzichtete die sehr heterogene Katakombenbewegung auf die Integration in die vom Außendruck bereits befreite Russische Orthodoxe Kirche und führte ihre isolierte Existenz, bewegt durch den Wunsch nach einer Alternative zur kanonischen Kirche, im Zustand des Schismas fort.

Bis zum Beginn der Perestroika hatte die Katakombenbewegung fast alle ihre Geistlichen verloren. 1990 wandten sich einige aus dem Untergrund herausgetretene Gemeinden der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland und diversen „altkalendarischen“ Kirchen von Griechenland zu, um von ihnen betreut zu werden. Ein kleiner Teil der Katakombengemeinden hat allerdings nach wie vor keinerlei Kontakte nach außen und schart sich einzig und allein um ihrer Leiter. Solche stark abgeschlossenen Gemeinden zählen heute (2010) anscheinend nicht mehr als 1000 Menschen.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts zählen zur Katakombenkirche („wahrhaft orthodoxe Kirche“) folgende Gemeinden:

  • Wahrhaft Orthodoxe Kirche Russlands (Истинно-Православная Церковь России),
  • Kirche von Johannes dem Theologen (Церковь Иоанна Богослова),
  • Russische Orthodoxe Autonome Kirche (Российская православная автономная церковь),
  • Orthodoxe Kirche Russlands (Российская православная церковь)
  • Wahrhaft Orthodoxe Christen-Theodoriten (Истинно-православные христиане-фёдоровцы),
  • Russische Katakombenkirche der Wahrhaft Orthodoxen Christen (Русская катакомбная церковь истинно православных христиан),
  • Russische [[Autokephalie|Autokephale Wahrhaft Orthodoxe Kirche}} (Российская Автокефальная Истинно-Православная Церковь),
  • Wahrhaft Orthodoxe Katakombenkirche (Истинно-Православная Катакомбная Церковь),
  • Wahrhaft Orthodoxe Kirche (Moskauer Metropolie) (Истинно-Православная Церковь (Московская митрополия)),
  • Wahrhaft Orthodoxe Kirche Russlands (Moskauer Erzbistum) (Российская Истинно-Православная Церковь (Московская архиепископия)),
  • Orthodoxe Russische Kirche (Wahrhaft Orthodoxe Kirche) (Православная Российская Церковь (Истинно Православная Церковь)),
  • Orthodoxe Russische Kirche (Oberste Kirchenleitung) (Православная Российская Церковь (Высшее церковное управление)),
  • Apostolische Orthodoxe Kirche (Апостольская Православная Церковь),
  • Russische Wahrhaft Orthodoxe Kirche (Русская истинно-православная церковь),
  • Seraphim-und-Gennadij-Zweig der Wahrhaft Orthodoxen Kirche (Серафимо-Геннадиевская ветвь Истинно Православной Церкви)
  • und einige andere Gemeinden.

Ideologisch verbunden mit den Katakombengemeinden ist auch die „Russische Orthodoxe Kirche unter der Obhut von Metropolit Vitaly (Ustinov)“ («Русская Зарубежная Церковь под омофором митрополита Виталия (Устинова)»), die sich 2001 von der Russischen Kirche im Ausland abspaltete.

Weblinks