Union

Aus Orthpedia
Wechseln zu:Navigation, Suche

Johannes R. Nothhaas: Unionsversuche

Die Versuche, die Orthodoxe und die Römisch-Katholische Kirche wieder, zu vereinigen, sind bisher alle an ihrer Oberflächlichkeit gescheitert. D. h. sie geschahen aus politischen Zwängen heraus, die eine Klärung der theologischen Fragen verhinderte.

Der erste Versuch einer Union war das Unionskonzil von Lyon 1274. Der byzantinische Kaiser Michael VIII. (1259–82) und sein Reich wurden von Charles von Anjou, dem Herrscher von Sizilien, bedroht. Verzweifelt suchte er die Unterstützung durch den Papst, wofür er eine Union der beiden Kirchen angeboten hatte. Die orthodoxen Abgesandten erfüllten alle Forderungen des Papstes. Aber diese Vereinbarung stand nur auf dem Papier, da die überwältigende Mehrheit der Geistlichen und Gläubigen des Byzantinischen Reiches und der anderen orthodoxen Völker diese entschlossen ablehnten. Die Schwester des Kaisers soll gesagt haben: „Lieber sollte meines Bruders Reich untergehen, als die Reinheit des orthodoxen Glaubens.

Ein zweites Unionskonzils wurde 1438 – 39 in Ferrara-Florenz gehalten, als der byzantinische Kaiser Johannes VIII: die Unterstützung des Westens gegen die andrängenden Türken suchte. Wieder erfüllten die Vertreter der Orthodoxen Kirche, der Kaiser, der Patriarch und die begleitenden Bischöfe, alle Forderungen und Ansprüche des Papstes. Mit einer Ausnahme: der Erzbischof Markus von Ephesus verweigerte die Unterschrift unter den Unionsvertrag. Dafür wurde er später von der 0rthodoxen Kirche heiliggesprochen. Wenn auch der Kaiser und sein Nachfolger der Union zustimmten, so wagten sie doch nicht diese in der Öffentlichkeit bekannt zu geben. Die Beschlüsse des Konzils wurden niemals von mehr als einer kleinen Minderheit der byzantinischen Geistlichkeit und des Volkes angenommen. Die militärische Hilfe des Westens war viel zu gering, als dass sie die Eroberung der Kaiserstadt hätte verhindern können. Am 29 Mai 1453 fiel die Stadt, und das Ende des Byzantinischen Reiches war gekommen.

Neben den verschiedenen Unionsversuchen im Orient soll hier nur der Unionsversuch in Südrussland, in der Ukraine, näher betrachtet werden. Nach der Zerstörung des Kiewer Reiches durch die Tataren hatten das unter einer Krone vereinigte Polen und Litauen das große Gebiet im Südwesten Russlands eingenommen. Die Mehrheit der Bevölkerung war römisch-katholisch, neben der es aber auch eine beachtliche Minderheit von orthodoxen Russen gab. Diese waren jedoch in einer misslichen Lage. Der Patriarch von Konstantinopel, dem sie zugeordnet waren, hatte wenig Einfluss auf dieses neue Reich unter römisch-katholischer Herrschaft. Denn die Bischöfe dort waren nicht von der Kirche, sondern vom römisch-katholischen König Polens eingesetzt. Es waren meist Männer vom Königshof, die aller geistlichen Führungsqualitäten ermangelten. Dem gegenüber standen bei den Russen überzeugte Laiengruppen unter Führung von einflussreichen Adeligen, als Bruderschaften organisiert. Immer wieder versuchten die römisch-katholischen Autoritäten die orthodoxen Gläubigen dem Papst zu unterstellen. Als 1564 die Jesuiten nach Polen kamen, wuchs der Druck auf die orthodoxen Christen. Die Jesuiten hofften, sie könnten mit den kooperationsbereiten Bischöfen die orthodoxen Russen im Block Rom unterstellen. Dieser Versuch schlug fehl. Auf dem Konzil von Brest-Litovsk 1596 verweigerten zwei von acht Bischöfen ihre Zustimmung. Die Klöster und die Gläubigen wollten orthodox bleiben. Das ganze Unternehmen endete mit gegenseitiger Exkommunikation.

Hier ist die Frage berechtigt, warum sich die Kirche Polens auf solchen Schein des Rechts eingelassen hat? Hat sie sich der Staatsräson des polnischen Königshauses unterworfen, oder gar eigene Interessen verfolgt? Schon die Anerkennung des Konzils von Florenz ist vom kirchenrechtlichen Standpunkt höchst problematisch. Haben doch die orthodoxe Geistlichkeit, die Mönche und das orthodoxe Kirchenvolk des byzantinischen Reiches in der überwältigenden Mehrheit die Beschlüsse dieses Konzils nie anerkannt. Ein Konzil aber, dessen Resultate vom Kirchenvolk nicht angenommen werden, hat in der orthodoxen Kirche keine Gültigkeit. Wenn man dem westlichen Kirchenrecht den Vorrang einräumt, ist es zumindest ein Diktat, das aller orthodoxen Tradition widerspricht. Schon vom nur rechtlichen Standpunkt ist zu fragen, ob Beschlüsse eines Konzils Geltung haben können, die unter größtem äußeren Zwang zustande kamen, wie dies beim Konzil von Florenz der Fall war. Ferner ist nach der rechtlichen Geltung des Konzils von Brest-Litovsk zu fragen, wenn die Mehrheit der orthodoxen Bischöfe nicht die orthodoxen Gemeinden vertrat, sondern vom polnischen Königshof eingesetzte Strohmänner waren.

Diese Befürworter der Union formierten sich zur unierten Kirche in Polen, die sich dann im Laufe der Geschichte zur unierten Kirche in der Ukraine entwickelte. Die unierten Priester anerkannten den Primat des Papstes, durften verheiratet bleiben und die Chrysostomus-Liturgie in kirchenslawischer Sprache weiterhin verwenden. Äußerlich war kaum ein Unterschied zu den orthodoxen Gemeinden festzustellen. Die einfachen Bauern der Ukraine konnten kaum merken, was hier vor sich ging. Sie mussten denken, dass nun auch der Papst orthodox geworden sei.

Hier ist die Frage berechtigt, warum die Kirche des Westens die orthodoxe Liturgie übernommen hat? Sollte die Überführung der orthodoxen Bevölkerungsteile in die Römisch-Katholische Kirche verschleiert werden? Wie passen die westlich scholastische Theologie und der mystische Charakter der orthodoxen Liturgie zusammen? Hatte hier nicht die Vereinnahmung der orthodoxen Bevölkerungsteile den Vorrang vor der theologischen Klärung der geistlichen Grundlagen der Union? Offensichtlich hat die Überzeugung von der Fülle der Wahrheit in der eigenen Kirche nicht mehr das berücksichtigt, was den anderen heilig ist. Deswegen sind im Grunde alle Unionsversuche gescheitert. In der Frage der unierten Christen in der Ukraine haben beide Seiten in der Geschichte durch wiederholte Vereinnahmungen der andersgläubigen Bevölkerung jeweils gegen das Gebot der Liebe verstoßen. Denn die Wahrheit des Evangeliums verlangt die freie Entscheidung der Person.

Die Unierten sind in einer unglücklichen Situation zwischen den beiden Großkirchen. Vom liturgischen Vollzug erscheinen sie orthodox, theologisch aber sind sie römisch-katholisch orientiert. Allein der Begriff „byzantinischer Ritus“, der sie beschreibt, ist für den orthodoxen Christen befremdend, weil er das Wort „Ritus“ nicht kennt. Er kann die Liturgie nicht auf ihr Äußeres reduzieren und sie von der Theologie trennen. Für Rom wiederum sind die Unierten zu orthodox, wie die vielen Latinisierungsversuche zeigen, gegen die sich die Unierten, insbesondere der Patriarch Maximos IV. der Melkiten, so standhaft gewehrt hat. Die Unierten als Vermittler einer zukünftigen Wiedervereinigung von West und Ost aufzuwerten, widerspricht der inneren Schizophrenie, in der sie leben. Dieses Unionsprinzip war von allem Anfang an eine Fehlentwicklung im Sinne einer einseitigen Planung. Die Hinführung beider Kirchen zur ursprünglichen Einheit kann nicht geschehen ohne das Gleichgewicht von Wahrheit und Liebe. Dies sind die beiden vorrangigen Kriterien, dann erst folgt das der Einheit. Deswegen sollte die Union auch als ein Auslaufmodell betrachtet werden und von beiden Seiten im Eingeständnis der eigenen Fehler in der Geschichte mit aller seelsorgerlichen Behutsamkeit einer Lösung entgegengeführt werden.

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

Priester Johannes R. Nothhaas, Orthodoxe Gemeinde des Hl. Christophorus, Mainz. Bei Fragen an den Autor zum Artikel und dem orthodoxen Glauben: nothhaas@googlemail.com.

Der Artikel als Faltblatt: Datei:Unionsversuche.doc