Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland: Unterschied zwischen den Versionen

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•  Im 18. Jahrhundert nahmen einige deutsche Königshäuser diplomatische Beziehungen mit dem russischen Zarenreich auf und deshalb wurden auf dem deutschen Boden russische diplomatische Vertretungen etabliert. Damit ihre Angehörigen die orthodoxen Gottesdienste feiern konnten, wurden zu diesem Zweck aus Russland das kirchliche Personal entsandt, Kapellen gebaut und Räumlichkeiten gemietet
 
•  Im 18. Jahrhundert nahmen einige deutsche Königshäuser diplomatische Beziehungen mit dem russischen Zarenreich auf und deshalb wurden auf dem deutschen Boden russische diplomatische Vertretungen etabliert. Damit ihre Angehörigen die orthodoxen Gottesdienste feiern konnten, wurden zu diesem Zweck aus Russland das kirchliche Personal entsandt, Kapellen gebaut und Räumlichkeiten gemietet
  
in Berlin seit 1718, mit Unterbrechungen; ständig aber 1837 bis 1914
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in Dresden seit 1813, mit Unterbrechungen; ab 1874 in der Kirche des „Hl. Simeon“ bis 1914
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| in Berlin
in München 1789 (Nutzung der griechischen Kirche bis 1914)
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| seit 1718, mit Unterbrechungen; ständig aber 1837 bis 1914
in Stuttgart seit 1859, zeitweilig Kirchen auf dem Rotenberg; seit 1895 Gesandtschaftskirche „Hl. Nikolaus“
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in Weimar seit 1859; auch für Gemeinde im Gebrauch – An der Ackerwand 25 – bis 1909.
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|in Dresden
in Wiesbaden seit 1844 bis 1911.
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• Auf die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen folgten später, seit Zar Peter dem Großen, auch Eheschließungen. Seit 1711 gab es 43 (von insgesamt 48) Ehen zwischen den Vertretern des deutschen Adels protestantischen Glaubens und den Mitgliedern des Hauses Romanov. Wenn ein Romanov eine protestantische Fürstin heiratete, musste sie vor der Eheschließung zur Orthodoxie konvertieren. Wenn aber eine russische Fürstin einen evangelischen Potentaten heiratete, blieb sie orthodox und bekam orthodoxe Hausapellen eingerichtet, wo sie nicht selten nach ihrem Tod beigesetzt wurde.
 
• Auf die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen folgten später, seit Zar Peter dem Großen, auch Eheschließungen. Seit 1711 gab es 43 (von insgesamt 48) Ehen zwischen den Vertretern des deutschen Adels protestantischen Glaubens und den Mitgliedern des Hauses Romanov. Wenn ein Romanov eine protestantische Fürstin heiratete, musste sie vor der Eheschließung zur Orthodoxie konvertieren. Wenn aber eine russische Fürstin einen evangelischen Potentaten heiratete, blieb sie orthodox und bekam orthodoxe Hausapellen eingerichtet, wo sie nicht selten nach ihrem Tod beigesetzt wurde.
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Die Kirchen, Hauskapellen oder Gruftkapellen dieser Art, die manchmal auch von den Gemeinden oder Botschaftsangehörigen genutzt wurden, gab es
 
Die Kirchen, Hauskapellen oder Gruftkapellen dieser Art, die manchmal auch von den Gemeinden oder Botschaftsangehörigen genutzt wurden, gab es
  
in Darmstadt 1899
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in Kiel 1727 – 1801; zum Teil als Konsulatskirche für Lübeck genutzt
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|in Darmstadt
in Karlsruhe     1865 – 1914
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in Ludwigslust 1800 – 1803
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|in Kiel
1806, Mausoleum im Schlosspark
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|1727 – 1801; zum Teil als Konsulatskirche für Lübeck genutzt
in Remplin 1851 – 1894
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in Schwerin 1879 – 1904
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in Gotha 1895 – 1905
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in Coburg 1888 – 1905
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in Stuttgart ab 1776, zeitweilig bis 1892
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1824 auf dem Rotenberg
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in Weimar 1804 – 1859
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in Wiesbaden 1855 auf Neroberg
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auf Schloss Seeon bis 1914
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• Als Zar Peter der Große von Friedrich Wilhelm I. 1716 das bekannte Bernsteinzimmer als Symbol für die russisch-preußische Freundschaft geschenkt bekam, revanchierte er sich damit, dass er ihm 55 "Lange Kerls" (Soldaten mit Gardemaß über 1,80 Meter) schenkte. Für diese Grenadiere wurden in Potsdam von 1718 bis 1808 Räume zu gottesdienstlichen Zwecken zur Verfügung gestellt, bis der letzte Grenadier verstarb.
 
• Als Zar Peter der Große von Friedrich Wilhelm I. 1716 das bekannte Bernsteinzimmer als Symbol für die russisch-preußische Freundschaft geschenkt bekam, revanchierte er sich damit, dass er ihm 55 "Lange Kerls" (Soldaten mit Gardemaß über 1,80 Meter) schenkte. Für diese Grenadiere wurden in Potsdam von 1718 bis 1808 Räume zu gottesdienstlichen Zwecken zur Verfügung gestellt, bis der letzte Grenadier verstarb.
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Ab dem 19. Jahrhundert entstanden Kirchen und Kurkapellen in Orten, in denen sich die reichen und wohlhabenden Russen zur Kur aufhielten:
 
Ab dem 19. Jahrhundert entstanden Kirchen und Kurkapellen in Orten, in denen sich die reichen und wohlhabenden Russen zur Kur aufhielten:
  
Baden-Baden (1882; seit 1858 Kapelle)
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*Baden-Baden (1882; seit 1858 Kapelle)
Bad Ems (1874; vorher Kirchsaal)
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*Bad Ems (1874; vorher Kirchsaal)
Bad Homburg (1899)
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*Bad Homburg (1899)
Bad Kissingen (1901)
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*Bad Kissingen (1901)
Görbersdorf (1901)
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*Görbersdorf (1901)
Hamburg (Hauskirche 1901; seit 1750 zeitweilig Gottesdiensträume)
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*Hamburg (Hauskirche 1901; seit 1750 zeitweilig Gottesdiensträume)
Bad Nauheim (1905)
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*Bad Nauheim (1905)
Bad Brückenau (Hauskirche 1908)
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*Bad Brückenau (Hauskirche 1908)
Bad Wildungen (Hauskirche ?)
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*Bad Wildungen (Hauskirche ?)
Danzig (Hauskirche 1913)
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*Danzig (Hauskirche 1913)
Wiesbaden (1855) mit dem dazu gehörigen Friedhof für die dort verstorbenen Kurgäste.
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*Wiesbaden (1855) mit dem dazu gehörigen Friedhof für die dort verstorbenen Kurgäste
  
 
Die Gottesdienste wurden in diesen Kirchen hauptsächlich nur während der Kursaison gefeiert, deshalb mussten die Priester aus anderen Orten dazu anreisen. Die anfallenden Kosten wurden von den Kurgästen übernommen.
 
Die Gottesdienste wurden in diesen Kirchen hauptsächlich nur während der Kursaison gefeiert, deshalb mussten die Priester aus anderen Orten dazu anreisen. Die anfallenden Kosten wurden von den Kurgästen übernommen.
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In den 1930er Jahren aber haben bereits vier verschiedene Jurisdiktionen, die sich auf die russische Orthodoxie beriefen, in Deutschland um Anerkennung und das Recht auf Kirchengebäude gerungen:
 
In den 1930er Jahren aber haben bereits vier verschiedene Jurisdiktionen, die sich auf die russische Orthodoxie beriefen, in Deutschland um Anerkennung und das Recht auf Kirchengebäude gerungen:
- die sogenannte Auslandskirche der Karlovcer Synode (im Weiteren: ROKA (Russische Orthodoxe
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- die sogenannte Auslandskirche der Karlovcer Synode (im Weiteren: ROKA (Russische Orthodoxe Kirche im Ausland))<br>
  Kirche im Ausland))
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- die Gemeinden unter der Leitung von Metropolit Evlogij<br>
- die Gemeinden unter der Leitung von Metropolit Evlogij
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- die Vertreter des Moskauer Patriarchats<br>
- die Vertreter des Moskauer Patriarchats
 
 
- die Erneuerer, die modernistische und prosowjetische Kirche in der Sowjetunion.
 
- die Erneuerer, die modernistische und prosowjetische Kirche in der Sowjetunion.
  
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==Situation während des Nationalsozialismus und nach dem 2. Weltkrieg==
 
==Situation während des Nationalsozialismus und nach dem 2. Weltkrieg==
 
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===1933 - 1938===
==1933-1938==
 
  
 
In Berlin gab es bis 1933 etwa acht russischsprachige Verlage, es wurden zehn russische Zeitungen und zwölf Zeitschriften herausgegeben. Es existierten dort eine Zeit lang russische Theater, auch wurden Konzerte gegeben, es gab zahlreiche politische Organisationen und etwa 100 Vereine, russische Schulen und vieles mehr. Mitte der 30er Jahre entstand in Dresden die literarisch-philosophische Gesellschaft "Vladimir Solovjev".
 
In Berlin gab es bis 1933 etwa acht russischsprachige Verlage, es wurden zehn russische Zeitungen und zwölf Zeitschriften herausgegeben. Es existierten dort eine Zeit lang russische Theater, auch wurden Konzerte gegeben, es gab zahlreiche politische Organisationen und etwa 100 Vereine, russische Schulen und vieles mehr. Mitte der 30er Jahre entstand in Dresden die literarisch-philosophische Gesellschaft "Vladimir Solovjev".
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Im Ferbuar 2012 wurde von der ROKA Alexander Schmorell heiliggesprochen. Er war in den Zeiten des Nationalsozialismus ein Mitbegründer und Mitglied der Studentengruppe „Weiße Rose“, die Flugblätter verteilte, in denen sie zum Widerstand gegen Hitler aufrief. Er wurde am 13. Juli 1943 von dem Nazi-Regime hingerichtet. In seinen letzten Briefen an die Angehörigen kam sein fester Glaube an Gott zum Vorschein. Hier ist sein letzter Brief:
 
Im Ferbuar 2012 wurde von der ROKA Alexander Schmorell heiliggesprochen. Er war in den Zeiten des Nationalsozialismus ein Mitbegründer und Mitglied der Studentengruppe „Weiße Rose“, die Flugblätter verteilte, in denen sie zum Widerstand gegen Hitler aufrief. Er wurde am 13. Juli 1943 von dem Nazi-Regime hingerichtet. In seinen letzten Briefen an die Angehörigen kam sein fester Glaube an Gott zum Vorschein. Hier ist sein letzter Brief:
 
 
  
 
  München, den 13. Juli 1943
 
  München, den 13. Juli 1943
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  Nun hat es doch nicht anders sein sollen, und nach dem Willen Gottes soll ich heute mein irdisches Leben abschließen, um in ein anderes einzugehen, das niemals enden wird und in dem wir uns alle wieder treffen werden. Dies Wiedersehen sei euer Trost und eure Hoffnung. Für euch ist dieser Schlag leider schwerer als für mich, denn ich gehe hinüber in dem Bewusstsein, meiner tiefen Überzeugung und der Wahrheit gedient zu haben. Dies alles lässt mich mit ruhigem Gewissen der nahen Todesstunde entgegensehen. Denkt an die Millionen von jungen Menschen, die draußen im Felde ihr Leben lassen - ihr Los ist auch das meinige. In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter, und ich werde euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für euch bitten. Und werde auf euch warten! Eins vor allem lege ich euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!!!
 
  Nun hat es doch nicht anders sein sollen, und nach dem Willen Gottes soll ich heute mein irdisches Leben abschließen, um in ein anderes einzugehen, das niemals enden wird und in dem wir uns alle wieder treffen werden. Dies Wiedersehen sei euer Trost und eure Hoffnung. Für euch ist dieser Schlag leider schwerer als für mich, denn ich gehe hinüber in dem Bewusstsein, meiner tiefen Überzeugung und der Wahrheit gedient zu haben. Dies alles lässt mich mit ruhigem Gewissen der nahen Todesstunde entgegensehen. Denkt an die Millionen von jungen Menschen, die draußen im Felde ihr Leben lassen - ihr Los ist auch das meinige. In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter, und ich werde euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für euch bitten. Und werde auf euch warten! Eins vor allem lege ich euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!!!
 
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  Euer Schurik
 
  Euer Schurik
 
  
 
==Kalter Krieg==
 
==Kalter Krieg==
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Nach diesem Dokument bleibt die ROKA ein unabdingbarer, sich selbst verwaltender Teil der Russischen Orthodoxen Kirche. Sie sei selbstständig bei den Angelegenheiten der Geistlichen, bei Aufklärungs-, Verwaltungs-, Haushalts-, Eigentums- und Zivilangelegenheiten, wobei sie die kanonische Einheit mit der gesamten Kirche genieße. Dabei werde das Landes- und Bischofskonzil der ROK zur höheren Instanz für die Auslandskirche erhoben. Der Ersthierarch der Auslandskirche solle durch ihr Bischofskonzil gewählt und vom Patriarchen von Moskau und ganz Russland sowie der Heiligen Synode bestätigt werden. Die weltweite russische Diaspora sei Werk Gottes und seitens der Menschen Dienst an der Kirche.
 
Nach diesem Dokument bleibt die ROKA ein unabdingbarer, sich selbst verwaltender Teil der Russischen Orthodoxen Kirche. Sie sei selbstständig bei den Angelegenheiten der Geistlichen, bei Aufklärungs-, Verwaltungs-, Haushalts-, Eigentums- und Zivilangelegenheiten, wobei sie die kanonische Einheit mit der gesamten Kirche genieße. Dabei werde das Landes- und Bischofskonzil der ROK zur höheren Instanz für die Auslandskirche erhoben. Der Ersthierarch der Auslandskirche solle durch ihr Bischofskonzil gewählt und vom Patriarchen von Moskau und ganz Russland sowie der Heiligen Synode bestätigt werden. Die weltweite russische Diaspora sei Werk Gottes und seitens der Menschen Dienst an der Kirche.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  
  

Aktuelle Version vom 21. August 2019, 14:11 Uhr

Von den Anfängen bis zum ersten Weltkrieg

Die erste Gottesdienststätte auf dem Territorium des damaligen Herzogtums Preußen gab es im heutigen Kaliningrad seit 1655. Dort wurden Gottesdienste von den orthodoxen Gläubigen zelebriert, die anscheinend im Laufe der Konflikte vertrieben wurden, denen dann der Große Nordische Krieg in Europa (1700 – 1721) folgte.

Später wurden an anderen Orten orthodoxe Kirchen aus folgenden Gründen eingerichtet:

• Im 18. Jahrhundert nahmen einige deutsche Königshäuser diplomatische Beziehungen mit dem russischen Zarenreich auf und deshalb wurden auf dem deutschen Boden russische diplomatische Vertretungen etabliert. Damit ihre Angehörigen die orthodoxen Gottesdienste feiern konnten, wurden zu diesem Zweck aus Russland das kirchliche Personal entsandt, Kapellen gebaut und Räumlichkeiten gemietet

in Berlin seit 1718, mit Unterbrechungen; ständig aber 1837 bis 1914
in Dresden seit 1813, mit Unterbrechungen; ab 1874 in der Kirche des „Hl. Simeon“ bis 1914
in München 1789 (Nutzung der griechischen Kirche bis 1914)
in Stuttgart seit 1859, zeitweilig Kirchen auf dem Rotenberg; seit 1895 Gesandtschaftskirche „Hl. Nikolaus“
in Weimar seit 1859; auch für Gemeinde im Gebrauch – An der Ackerwand 25 – bis 1909
in Wiesbaden seit 1844 bis 1911.

• Auf die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen folgten später, seit Zar Peter dem Großen, auch Eheschließungen. Seit 1711 gab es 43 (von insgesamt 48) Ehen zwischen den Vertretern des deutschen Adels protestantischen Glaubens und den Mitgliedern des Hauses Romanov. Wenn ein Romanov eine protestantische Fürstin heiratete, musste sie vor der Eheschließung zur Orthodoxie konvertieren. Wenn aber eine russische Fürstin einen evangelischen Potentaten heiratete, blieb sie orthodox und bekam orthodoxe Hausapellen eingerichtet, wo sie nicht selten nach ihrem Tod beigesetzt wurde.

Die Kirchen, Hauskapellen oder Gruftkapellen dieser Art, die manchmal auch von den Gemeinden oder Botschaftsangehörigen genutzt wurden, gab es

in Darmstadt 1899
in Kiel 1727 – 1801; zum Teil als Konsulatskirche für Lübeck genutzt
in Karlsruhe 1865 – 1914
in Ludwigslust 1800 – 1803
1806, Mausoleum im Schlosspark
in Remplin 1851 – 1894
in Schwerin 1879 – 1904
in Gotha 1895 – 1905
in Coburg 1888 – 1905
in Stuttgart ab 1776, zeitweilig bis 1892
1824 auf dem Rotenberg
in Weimar 1804 – 1859
in Wiesbaden 1855 auf Neroberg
auf Schloss Seeon bis 1914
am Tegernsee bis 1914

• Als Zar Peter der Große von Friedrich Wilhelm I. 1716 das bekannte Bernsteinzimmer als Symbol für die russisch-preußische Freundschaft geschenkt bekam, revanchierte er sich damit, dass er ihm 55 "Lange Kerls" (Soldaten mit Gardemaß über 1,80 Meter) schenkte. Für diese Grenadiere wurden in Potsdam von 1718 bis 1808 Räume zu gottesdienstlichen Zwecken zur Verfügung gestellt, bis der letzte Grenadier verstarb.

• 1812 wurden in Potsdam die in den Napoleonischen Kriegen von den Preußen gefangen genommenen russischen Soldaten einquartiert, die später auf der preußischen Seite kämpften. König Friedrich Wilhelm III. ließ für sie eine Militärkolonie "Alexandrowka" erbauen, wo 1829 eine Kirche entstand und dem Heiligen Alexander von der Newa gewidmet wurde. Bis heute werden dort orthodoxe Gottesdienste gefeiert.

Kurkapellen

Ab dem 19. Jahrhundert entstanden Kirchen und Kurkapellen in Orten, in denen sich die reichen und wohlhabenden Russen zur Kur aufhielten:

  • Baden-Baden (1882; seit 1858 Kapelle)
  • Bad Ems (1874; vorher Kirchsaal)
  • Bad Homburg (1899)
  • Bad Kissingen (1901)
  • Görbersdorf (1901)
  • Hamburg (Hauskirche 1901; seit 1750 zeitweilig Gottesdiensträume)
  • Bad Nauheim (1905)
  • Bad Brückenau (Hauskirche 1908)
  • Bad Wildungen (Hauskirche ?)
  • Danzig (Hauskirche 1913)
  • Wiesbaden (1855) mit dem dazu gehörigen Friedhof für die dort verstorbenen Kurgäste

Die Gottesdienste wurden in diesen Kirchen hauptsächlich nur während der Kursaison gefeiert, deshalb mussten die Priester aus anderen Orten dazu anreisen. Die anfallenden Kosten wurden von den Kurgästen übernommen.

• In der Messe- und Universitätsstadt Leipzig teilten russische Studenten und Messebesucher ihre Gottesdienststätte mit den orthodoxen Griechen. Zum hundertsten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, in der 22 000 russische Soldaten gefallen sind (14. - 18. 10.1813), baute man ihnen dort ein Denkmal in der Form einer russisch-orthodoxen Kirche. Diese Gedächtniskirche ist dem Hl. Alexij von Moskau geweiht. Sie wurde als Gemeindekirche auch während der DDR-Zeiten benutzt.

Persönlichkeiten

Ioann Bazarov folgte 1844 der Großfürstin Elisaveta Michajlovna, die 1843 den Herzog Adolf, den späteren Großherzog von Luxemburg, heiratete, als ihr Beichtvater nach Wiesbaden. Er betreute dort auch die Gemeinde in Stuttgart auf dem Rotenberg sowie in der Stadt. Er veröffentlichte „ seine Arbeit „Die Liturgie (Messe) der orthodoxen orientalischen Kirche zum Gebrauch der deutschen Besucher des russischen Gottesdienstes“ und hat 14 Erwachsene aus anderen Konfessionen durch die Taufe in die orthodoxe Kirche aufgenommen.

Die Mitglieder der Zarenfamilie, die wie Elisaveta Michajlovna durch Heirat nach Deutschland gekommen waren (Großfürstinnen Ekaterina Pavlovna, Olga Nikolaevna, Maria Pavlovna und auch Eisaveta Michajlovna) widmeten sich oft sozialen Aufgaben: In Württemberg wurden Beschäftigungsanstalten und Industrieschulen, ein landwirtschaftlicher Verein sowie Krankenhäuser und Heilanstalten und vieles mehr eingerichtet. In Weimar wurden Frauenvereine, Kinderbewahranstalten, Suppenküchen, Bibliotheken und Lesestuben finanziert.

Die schon seit langem in Deutschland lebenden Priester und Diakone (N. Jaznivsky, I. Speransky, W. Ladinsky, W. Polisadov, G. Morozov, P.Smirnov, S. Sabinin, T. Seredinsky, I. Janyschev) haben eine sehr aktive gemeindliche und publizistische Tätigkeit entfaltet.

Es wurden Partituren für die Gottesdienste arrangiert und Leitfaden für den orthodoxen Religionsunterricht erstellt, ein Bibellexikon unter der Verwendung auch protestantischer Literatur veröffentlicht, Übersetzungen und Erläuterungen zu liturgischen Texten und deren theologische Begründungen vorgenommen, was nicht deutschsprachigen Gläubigen und interessierten Nichtorthodoxen den Zugang zu den geistigen Schätzen der Orthodoxie ermöglicht. Es wurden auch Studien der katholischen und evangelischen Theologie vorgenommen und ihre Ergebnisse in Russland veröffentlicht.

Der langjährig an der Berliner Botschaftskirche tätige Probst Aleksej Petrowitsch Malzew (1854 – 1915) war am Wachsen des Gemeindelebens, missionarisch und durch seine Veröffentlichungen unvergleichlich aktiv gewesen. Seine Übersetzungen zählen zehn Bände.

Auf seine Initiative ist Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts die Bruderschaft "Bratstvo" entstanden, die den Bau der Kirchen oder die Einrichtung der Gottesdiensträume in vielen Orten förderte und die Gläubigen geistig betreute, aber sich auch sowohl sozialen als auch karitativen Aufgaben verpflichtete.

Diese rege Tätigkeit, die damals in Deutschland Misstrauen und Vorurteile hervorrief, fand ihr Ende vor dem ersten Weltkrieg. Malzew wurde Spionage vorgeworfen und seinen Kindern drohte eine Ausweisung aus Deutschland. Er hat notariell eine Erklärung über die Besitz- und Nutzungsansprüche der auf seinen Namen eingetragenen Grundstücken abgegeben und testamentarisch bestätigt.

Da die meisten Gläubigen vor dem Ausbruch des Krieges in ihre Heimat zurückgekehrt waren, wurden die Kirchen geschlossen.


Nach dem ersten Weltkrieg bis 1933

Nach der Oktoberrevolution 1917 und mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs sind schätzungsweise 1 – 2,5 (nach anderen Einschätzungen 2,5 – 10) Millionen Menschen aus Russland sowohl nach China als auch nach Europa geflohen. Zusammen mit der Armee des Barons von Wrangel und mit dem an der Spitze der Provisorischen Südrussischen Kirchenleitung stehenden Metropoliten Antonij Chrapovitzkij verließen rund 140. 000 Menschen im November 1920 ihre Heimat.

Nach unterschiedlichen Angaben lebten seit 1918 von 100.000 bis 560.000 Auswanderer aus dem ehemaligen Zarenreich Russland in Deutschland. Ende der 20er Jahre sind aber viele wegen der Arbeitslosigkeit und der hohen Inflation von dort nach Frankreich gegangen. Berlin war in den 20er Jahren das größte Zentrum der russischen Emigration nicht nur in Europa. Danach kam München und als ein Umwälzungsplatz für diejenigen, die ihre Zukunft eher hinter dem Atlantik in den USA gesehen haben, galt Hamburg.

Nach 1918 fanden sich in Deutschland neben den Zentren der Emigration auch in Leipzig, Dresden, Wiesbaden, Baden-Baden, wo es schon früher russisch-orthodoxe Kirchen gab, bald die Gemeinden wieder zusammen und die ersten Gottesdienste werden bereits 1919 gefeiert. Wenn eine Gemeinde nicht mit einem Priester besetzt war, wurde sie von den sogenannten Reisepriestern betreut.

Es gab auch Gemeinden in den "Barackenkirchen" in Flüchtlings- und Kriegsgefangenenlagern (Frankfurt/Oder, Lichtenhorst, Quedlinburg, Scheunen bei Celle, Wünsdorf, Zossen), in denen Gottesdienste und die pastorale Arbeit meistens von den dort lebenden Priestern gefeiert und wahrgenommen wurden.

Seit Dezember 1920 wurde die Kirche in Emigration von Konstantinopel (Istanbul) aus und seit April 1921 aus Sremski Karlovci in Serbien, wohin die Kirchenspitze auf Einladung des serbischen Patriarchen ging, geleitet.

Die Verbindung zur Mutterkirche in Russland war oft unmöglich und die Glaubwürdigkeit der Informationen, die man manchmal doch bekommen konnte, war fragwürdig. Deshalb unterzeichnete Patriarch Tichon am 20.11.1920 den Erlass der Heiligen Synode des Höheren Kirchenrates über die Selbstverwaltung der Diözesen, falls der Kontakt zum Patriarchen in Moskau unmöglich sein sollte.

Im November 1921 wurde in Sremski-Karlovci (Serbien) das erste Allrussische Konzil im Ausland einberufen. Auf diesem Konzil wurde eine promonarchistische Ansprache an alle russischen Flüchtlinge mit der Unterstützung der Mehrheit der Beteiligten verabschiedet. Ein Drittel der Anwesenden weigerte sich, sie zu unterzeichnen, denn ein Konzil sei nicht berechtigt, politische Erklärungen abzugeben.

Seit dieser Zeit war die Kirche im Ausland gespalten: auf der einen Seite waren die Anhänger der politischen Neutralität (Erzbischof Evlogij und seine Anhänger), auf der anderen diejenigen, die die Legitimität der Sowjetmacht strikt ablehnten (die Mehrheit mit dem Metropolit Antonij (Chrapovickij)).

Außerdem gab es auch weitere Unstimmigkeiten in Bezug auf die Organisation der Kirchenverwaltung im Ausland.

Die Spaltung wurde noch tiefer, als die berühmte Loyalitätserklärung von Metropolit Sergij, dem Amtsverweser des Patriarchen, im Juli 1927 bekannt wurde, die bei den Sowjetmachtgegnern Empörung hervorrief.

Dazu kam einige Jahrzehnte später, als sich viele Gläubige aus anderen orthodoxen Ländern der russischen Kirche anschlossen, die Auseinandersetzung darüber, welches Prinzip – das nationale oder das territoriale – dem Aufbau einer Landeskirche zu Grunde gelegt werden sollte.

Das Moskauer Patriarchat hat mit dem Erlass von Patriarch Tichon und dem der Heiligen Synode vom 8. April 1921 Erzbischof Evlogij (Georgijewskij) als Leiter der Gemeinden der ROK in Westeuropa eingesetzt und er siedelte von Serbien nach Berlin über.

Metropolit Evlogij versuchte zuerst dem Patriarchat in Moskau treu zu bleiben und im Einvernehmen mit der Karlovcer Synode seine Leitungsaufgaben zu realisieren. Wegen der Veröffentlichung der promonarchistischen Ansprache an alle russischen Flüchtlinge wurden die Verfolgungen der Christen in Russland verstärkt und daraufhin hat das Moskauer Patriarchat am 5. Mai 1922 die Karlovcer Kirchenleitung für unkanonisch erklärt und zur Unterstellung unter die örtliche Kirchenleitung in orthodoxen Ländern aufgefordert oder in nicht orthodoxen Ländern Autonomie vorgeschlagen.

Die Karlovcer Kirchenspitze aber bezweifelte die Echtheit des Erlasses und berief sich auf den Erlass vom 20. 11. 1920 über die Selbstverwaltung. Trotzdem wurde ihre Legitimität von Oberhäuptern anderer orthodoxen Kirchen in Frage gestellt und für unkanonisch erklärt.

Es kommt zum Bruch zwischen der Synode und dem Metropolit Evlogij, als die Synode 1926 ohne seine Zustimmung 1926 die sich in Deutschland befindlichen Gemeinden zu einer selbständigen Eparchie bestimmt und dem von ihr ernannten Bischof Tichon unterstellt.

1927 hat der stellvertretende Patriarchastverweser, Metropolit Sergij (Stargorodskij), im Namen des Moskauer Patriarchats eine "Loyalitätserklärung" gegenüber der Sowjetmacht abgegeben, was die Kirchenspaltung im Ausland noch mehr vertiefte, denn Metropolit Evlogij hat diese Erklärung in diplomatischer Form geleistet, während die Karlovcer Synode das strikt ablehnte. Daraufhin wurde Metropolit Evlogij wegen seiner Haltung in Bezug auf die Christenverfolgung in der Sowjetunion aus Moskau Zelebrationsverbot erteilt und er unterstellte sich dann 1931 dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel.


Es gab also in Deutschland seit 1926 zwei Jurisdiktionen der ROK (im Weiteren: Russische Orthodoxe Kirche): die unkanonische des Karlovcer Synodes mit Bischof Tichon und die kanonische des Moskauer Patriarchats unter Metropolit Evlogij und dem Probst Prosorov, der für die Gemeinden in Deutschland zuständig war.

In den 1930er Jahren aber haben bereits vier verschiedene Jurisdiktionen, die sich auf die russische Orthodoxie beriefen, in Deutschland um Anerkennung und das Recht auf Kirchengebäude gerungen: - die sogenannte Auslandskirche der Karlovcer Synode (im Weiteren: ROKA (Russische Orthodoxe Kirche im Ausland))
- die Gemeinden unter der Leitung von Metropolit Evlogij
- die Vertreter des Moskauer Patriarchats
- die Erneuerer, die modernistische und prosowjetische Kirche in der Sowjetunion.

Sowohl die staatlichen Institutionen als auch kirchliche Einrichtungen in Deutschland haben in dieser Situation eindeutig zuerst mehr die Haltung von Evlogij respektiert.


Situation während des Nationalsozialismus und nach dem 2. Weltkrieg

1933 - 1938

In Berlin gab es bis 1933 etwa acht russischsprachige Verlage, es wurden zehn russische Zeitungen und zwölf Zeitschriften herausgegeben. Es existierten dort eine Zeit lang russische Theater, auch wurden Konzerte gegeben, es gab zahlreiche politische Organisationen und etwa 100 Vereine, russische Schulen und vieles mehr. Mitte der 30er Jahre entstand in Dresden die literarisch-philosophische Gesellschaft "Vladimir Solovjev".

Die Arbeit der Gemeinden aber konzentriert sich in dieser Zeit im Wesentlichen auf die Sammlung der Angehörigen der Russischen Orthodoxen Kirche und auf die karitative und seelsorgerische Tätigkeit. Es wurden neue Schwesternschaften gegründet, sowie ein Arbeitskreis zur Pflege des orthodoxen Geisteslebens in Stuttgart. Viele Chorleiter/innen und Sänger/innen haben zur Pflege der russischen liturgischen Chorkultur beigetragen und sie unter den Deutschen bekannt gemacht. In diesem Zusammenhang ist der "Liturgische Gemeindezirkel" an der Vladimir-Gemeinde in Berlin zu erwähnen. Von Mönchpriester Johann Schachovskoj, der seit 1932 in Berlin lebte, wurde der Missionsverlag "За Церковь" (Pro Kirche) gegründet, der der Erneuerung der Orthodoxie dienen sollte und in dem eine Reihe der bedeutenden Arbeiten von Schachovskoj selbst veröffentlicht wurden.

1938 wurde in Berlin am Fehrbelliner Platz die bis heute dort stehende Auferstehungskathedrale gebaut, wofür der deutsche Staat ein Grundstück zur Verfügung stellte und den Bau unterstützte. Nach deren Weihe wurde der Bischof (später Erzbischof, Metropolit) Serafim (Lade) zum Oberhaupt der deutschen Diözese der ROKA, der gebürtiger Deutscher war.

Angesichts der andauernden Gläubigenverfolgung in der Sowjetunion gelang es der ROKA 1000 Gemeinden weltweit unter sich zu vereinen, während Metropolit Eulogij nur 75 unterstanden.

Deshalb entschied sich das Reichskirchenministerium auf der Grundlage einer Reihe der Dokumente von 1935,1936 und 1938 der deutschen Diözese der ROKA die Körperschaftsrechte zu verleihen und somit wurden manche Streitereien innerhalb der Kirche zeitweise beiseitegelegt.

1938 – 1950

Dieser Zeitabschnitt zeichnet sich vor allem durch die Annexionspolitik des Hitlerdeutschland und territorialem Zuwachs und somit durch die territoriale Ausweitung der Berliner Diözese und die Erweiterung deren Aufgaben aus.

Erzbischof Serafim hatte zuerst vor, Priester nach Russland in die von den Deutschen besetzten Gebiete zu entsenden und es wurden sogar schon Listen von Freiwilligen aufgestellt. Doch die politische und militärische Leitung des deutschen Reiches waren strikt dagegen, denn was da passierte, sollte am liebsten insgeheim geschehen.

Aber für die dort neu eröffnete Kirchen wurden 520 Altartücher geschickt, hinzu kamen später noch 2500 aus dem der ROKA gehörigen Hiob-Kloster in der Slowakei. Die bulgarische Kirche druckte für die Priester Trebniki (Rituale) sowie Evangeliare für Gottesdienste und 100.000 Evangelien. Für die Taufen wurden Kreuze aus Aluminium gestanzt. Das alles wurde auf verschiedenen Wegen in die besetzten Gebiete geschafft.

Außerdem ergaben sich für die russische Kirche weitere seelsorgerliche Aufgaben in Deutschland selbst und zwar in den Ostarbeiter- und Fremdarbeiterlagern, wo es sehr viele Russen gab, die sowohl aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion als Arbeitskräfte gebracht wurden als auch aus dem besetzten Frankreich statt der Franzosen als Arbeitskräfte zwangsverschleppt wurden.

Allein im ersten Kriegsjahr sollen ca. 3,5 Millionen Kriegsgefangene aus der Sowjetunion in den Lagern umgekommen sein. Anfang 1942 arbeiteten im Dritten Reich 153.674 Kriegsgefangene, Mitte August 1944 wuchs diese Zahl auf 631.595 an.

Auch die zu Hunderttausenden aus den besetzten Gebieten der UdSSR importierten „Ostarbeiter“ lebten in einer anderen, weniger strengen Form von Lagern (im Oktober 1944 waren es 2.174.664, d.h. 36,4 % aller ausländischen Arbeiter im Reich). Es waren vor allem Ostarbeiter, die trotz Einschränkungen und Verbote massenhaft die orthodoxen Gemeinden besuchten. Ostern 1943 und 1944 gab es unvergessliche Sternmärsche zur Berliner Kathedrale.

Den Geistlichen wurde nicht erlaubt, Gottesdienste in Kriegsgefangenenlagern abzuhalten. Die Priester, denen solche Besuche gelangen, waren tief beeindruckt von den Chören, die sich dort spontan bilden und die Liturgie auswendig singen konnten. Erst im Mai 1944 gelang es Metropolit Serafim endlich die Erlaubnis zu bekommen und 15 Priester konnten Ostarbeiterlager besuchen. Auch die Geistlichen aus der Masse der Kriegsgefangenen wurden tätig, aber angesichts des eigentlichen Bedarfs war das viel zu wenig.

Zum Kriegsende mangelte es sich nicht nur am heiligen Myron, sondern auch an Mehl für Prosphoren und eucharistischem Wein. Es befanden sich ca. 3, 3 Millionen sowjetische Bürger im völlig zerstörten Deutschland und die Kirche bemühte sich um sie so gut, wie sie nur konnte. Unter ihnen waren sowohl die Mitglieder der politisch umstrittenen „Russischen Befreiungsarmee“ von General Vlasov als auch die Kosaken, die an der Seite des Nazi-Deutschlands kämpften, aber auch die Zwangsrepatriierten.

Auf der Jalta-Konferenz von 1945 haben sich die Alliierten zum Ziel gesetzt, die ca. 7 Millionen Menschen, die sich nicht mehr in ihrer Heimat befanden, zurückzuführen. Für diese Leute, die sogenannten „displaced persons“ (DP) wurden große Lager eingerichtet, z.B. Fischbeck in Hamburg, Mönchenhof in Kassel, Schleißheim in München, Sennlager in Bielefeld, Walkalager in Nürnberg.

1947 versorgten 16 Bischöfe und 184 Priester zehntausende Gläubige, allein in München-Schleißheim lebten 7000 Flüchtlinge, die auch selbst aktiv wurden. Im DP-Lager Mönchenhof wurde die Zeitschrift „Possev“ gegründet, die noch bis heute in Moskau wirkt.

Den kirchlichen Aktivisten gelang es viele Zwangsrepatriierte vor der Rückführung in die Sowjetunion zu retten (sie wurden nicht selten danach sofort in den Gulag gebracht ), indem sie täuschend echte Taufurkunden herstellten, die eindeutig belegten, dass die betreffende Person zur alten Migration gehörte und nie in der Sowjetunion lebte. So verwandelte sich mithilfe von russischen Geistlichen ein russisches Lager mit 500 Menschen über Nacht in ein „polnisches“.

Die geistliche Führung der ROKA richtete Proteste an die westlichen Regierungen wegen der brutalen Repatriierungspraktiken aus den westlichen Besatzungszonen, wonach diese dann nach und nach liberalisiert wurden.

Einige Gemeinden zelebrieren bis heute ihre Gottesdienste in den Gebäuden der Kriegszeit, z.B. in Erlangen, in Amberg. Andere haben ihre Lager- oder Barackenkirchen umgebaut oder neue Kirchengebäude errichtet, z.B. Gemeinde in Frankfurt am Main (Am Dornbusch – am Fischmarkt), die Schleißheimer Barackenkirche - Steinbau in München Ludwigsfeld.

Im Dezember 1945 entstand im ehemaligen Trainingslager der Hitlerjugend in Obermenzig ein russisch-orthodoxes Mönchskloster des Heiligen Hiob von Počaev, in dem zu Anfang 49 Mönche lebten.

Persönlichkeiten

Im Ferbuar 2012 wurde von der ROKA Alexander Schmorell heiliggesprochen. Er war in den Zeiten des Nationalsozialismus ein Mitbegründer und Mitglied der Studentengruppe „Weiße Rose“, die Flugblätter verteilte, in denen sie zum Widerstand gegen Hitler aufrief. Er wurde am 13. Juli 1943 von dem Nazi-Regime hingerichtet. In seinen letzten Briefen an die Angehörigen kam sein fester Glaube an Gott zum Vorschein. Hier ist sein letzter Brief:

München, den 13. Juli 1943
Meine lieben Vater und Mutter!
	
Nun hat es doch nicht anders sein sollen, und nach dem Willen Gottes soll ich heute mein irdisches Leben abschließen, um in ein anderes einzugehen, das niemals enden wird und in dem wir uns alle wieder treffen werden. Dies Wiedersehen sei euer Trost und eure Hoffnung. Für euch ist dieser Schlag leider schwerer als für mich, denn ich gehe hinüber in dem Bewusstsein, meiner tiefen Überzeugung und der Wahrheit gedient zu haben. Dies alles lässt mich mit ruhigem Gewissen der nahen Todesstunde entgegensehen. Denkt an die Millionen von jungen Menschen, die draußen im Felde ihr Leben lassen - ihr Los ist auch das meinige. In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter, und ich werde euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für euch bitten. Und werde auf euch warten! Eins vor allem lege ich euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!!!

Euer Schurik

Kalter Krieg

Bis 1950 residierte der Bischofssynod der ROKA in München. Mit der Verbreitung des Kommunismus in Europa sind viele russische Emigranten nach Nord- und Südamerika, sowie nach Australien ausgewandert. Auch der Synod siedelte in die USA über.

Das hatte zur Folge, dass die Zahl der Gemeinden in Deutschland in diesen Jahren sank. So gab es in den 80er Jahren rund 40 Gemeinden mit 40 – 70 Gemeindemitgliedern, die finanziell bis in die 90er Jahre von Bund und Ländern unterstützt wurden.

Das Moskauer Patriarchat wurde nach dem Krieg sehr aktiv und die ROKA verlor fast alle Klöster und alle Gemeinden im fernen Osten und Osteuropa. Auch in Deutschland wurden nicht nur die Gemeinden in Leipzig und Dresden, sondern auch die vier Gemeinden in Raum Berlin an das Moskauer Patriarchat übergeben.

Vom Ausland, auch von Deutschland, aus unterstützte man die Gläubigen in Russland mit Literatur und Radiosendungen und diese Beziehungen führten dazu, dass 1982 in Deutschland ein Bischof für die sogenannte Katakombenkirche in der Sowjetunion geweiht wurde.

Im November 1981 wurden alle Neumärtyrer und Bekenner Russlands von der ROKA kanonisiert und in den 90ern Jahren stand das Thema „1000 Jahre Taufe Russlands“ auf der Tagesordnung. In der Sowjetunion verstand man auch bald, dass man das Thema nicht verschweigen kann.

In Deutschland wurde sowohl das Moskauer Patriarchat in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche als auch die ROKA aktiv und sie feierten dieses Ereignis mit Gottesdiensten, Ausstellungen, Symposien, Konzerten usw.

Das Moskauer Patriarchat weitete sich immer weiter auch in Westdeutschland mit Gemeinden und später mit einer Bischofsvertretung in Düsseldorf aus und es begann eine langsame Annäherung der beiden russischen Kirchen.

Wiedervereinigung

1991 fand im August in Moskau eine große bilaterale Diskussionsrunde zwischen den beiden Teilen der russischen Kirche statt und daraufhin gab es im September 1991 in Deutschland ein zweitägiges Treffen von Geistlichen aller russischen Jurisdiktionen. Dabei hat man sich mit der Geschichte, der aktuellen Situation und der Zukunft der Kirche auseinandergesetzt.

Trotzdem kam es 1993 dazu, dass vom Moskauer Patriarchat noch ein „Bischof von Berlin und Deutschland“ ernannt wurde, was es noch nie gab und was zu Täuschungen hätte führen können.

Darauf folgte eine scharfe Kritik der ROKA, dennoch kam es später zu offiziellen und inoffiziellen Treffen orthodoxer Geistlichen, bei denen beschlossen wurde, einen Dialog über aktuelle Probleme zu führen, der aber zwischendurch aus verschiedenen Gründen ins Stocken kam. Es gab zwischen 1993 und 1997 insgesamt neun Gesprächsrunden.

1995 besuchte der Erzbischof von Berlin und Deutschland Mark (ROKA) die Kathedrale des Moskauer Patriarchats in Berlin und brachte das größte Heiligtum der ROKA, die Kursker Gottesmutterikone „ Von der Wurzel“, den Gläubigen zur Verehrung.

Im gleichen Jahr lernte der Patriarch Aleksij II. bei seinem Besuch in München den Erzbischof Mark kennen und es gab zwischen den beiden ein Unter-vier-Augen-Gespräch, worüber das Oberhaupt der ROKA Mitropoli Vitalij, einen Gegner der Wiedervereinigung, vom Erzbischof Mark informiert wurde. Das führte zur Eskalation zwischen dem Erzbischof und dem Metropoliten, der dann 2001 aus eigener Initiative in den Ruhestand ging und 2006 verstarb.

Im Dezember 1997 kam es zwischen den beiden Kirchen zu einem Konflikt wegen des Klosters in Hebron, aber das konnte die Kirchen in ihren Bemühungen um die Wiedervereinigung nicht hindern.

Währenddessen begann die massive Auswanderung der Russlanddeutschen aus der Sowjetunion, die dazu führte, dass heute ca. 3,5 Millionen russischsprachiger Bürger in Deutschland leben. Viele der ethnischen Russlanddeutschen gehörten traditionell entweder zur katholischen oder zur evangelischen Kirche, aber auch ein Teil von ihnen war orthodox.

Das stellte die russische Kirche vor neue Herausforderungen. Es wurden neue Gemeinden gegründet, Räume für Gottesdienste gemietet oder neue Kirchen gebaut, sodass die Zahl der Gemeinden bis heute auf 150 gestiegen ist. Und das brachte auch den zwischenkirchlichen Dialog zwangsläufig in Schwung, denn die beiden Kirchen hatten die gleiche Herde zu versorgen und mussten sich abstimmen. Es wurde eine Reihe von Dokumenten vorbereitet, in denen der Weg zur Wiedervereinigung angedeutet wurde.

Auf dem Landeskonzil der ROK im August 2000 in Moskau wurden zwei weitere wichtige Schritte in diese Richtung gemacht.

Dort wurden, erstens, die „Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“ verabschiedet, in denen ausdrücklich das Recht und die Pflicht der Kirche festgeschrieben ist, die Gläubigen zum Widerstand aufzurufen, wenn der Staat ihnen sündige und antichristliche Verhaltensweisen und Handlungen abverlangen sollte.

Zweitens, vom Moskauer Patriarchat wurden alle Bekenner und Märtyrer (einschließlich der Zarenfamilie), auch die, die der loyalen Haltung von Metropolt Sergij (Stargorodskij) gegenüber der Sowjetmacht in Opposition waren, namentlich bekannt und unbekannt, verherrlicht, so wie es die ROKA schon 1981 gemacht hatte.

Diese Schritte wurden von dem Bischofskonzil der ROKA in New York positiv eingeschätzt und es wurde eine „Kommission für die Einheit der russischen Kirche“ mit dem Erzbischof Mark eingesetzt.

Es fanden im Weiteren zwei historische Konferenzen statt (November 2001 in der Diözesanvertretung der Serbischen Kirche in Ungarn und 2002 in Moskau), an denen Geistliche und Historiker teilnahmen.

Danach folgte im November 2003 ein Besuch der Delegationen der ROKA, im Mai 2004 der zweite Besuch mit dem neuen Metropolit Lavr und die Verhandlungen wurden abgeschlossen.

Am 17. Mai 2007 hat sich die Russische Orthodoxe Kirche offiziell wieder vereint. Patriarch Aleksij II. und Metropolit Lavr haben in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau den „Akt über die kanonische Gemeinschaft“ unterzeichnet. Im Anschluss feierte man gemeinsam die Göttliche Liturgie.

Nach diesem Dokument bleibt die ROKA ein unabdingbarer, sich selbst verwaltender Teil der Russischen Orthodoxen Kirche. Sie sei selbstständig bei den Angelegenheiten der Geistlichen, bei Aufklärungs-, Verwaltungs-, Haushalts-, Eigentums- und Zivilangelegenheiten, wobei sie die kanonische Einheit mit der gesamten Kirche genieße. Dabei werde das Landes- und Bischofskonzil der ROK zur höheren Instanz für die Auslandskirche erhoben. Der Ersthierarch der Auslandskirche solle durch ihr Bischofskonzil gewählt und vom Patriarchen von Moskau und ganz Russland sowie der Heiligen Synode bestätigt werden. Die weltweite russische Diaspora sei Werk Gottes und seitens der Menschen Dienst an der Kirche.


Literaturverzeichnis

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