Otmar von St. Gallen

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Hl. Otmar mit den stets gefüllten Weinfässern
Tod des Hl. Otmar, 11. Jhdt., Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen

Otmar von St. Gallen (auch Othmar, Audomar, * um 689, vermutlich in der Umgebung von St. Gallen; † 16. November 759 auf der Insel Werd bei Stein am Rhein) war Gründer und erster Abt des Klosters St. Gallen. Er wird, seit er 864 durch den Konstanzer Bischof Salomo I. kanonisiert wurde, als heiliger Otmar verehrt. Sein Gedenktag ist der 16. November. Weitere Gedenktage sind der 15. April (Übertragung der Gebeine) und der 25. Oktober (2. Übertragung der Gebeine).

Leben

Frühe Zeit

Der Hl. Otmar war seiner Herkunft nach Alemanne und diente in seiner Jugend dem Grafen Viktor von Chur, bei welchem er mit so großem Erfolg in den Wissenschaften und im christlichen Lebenswandel ausgebildet und erzogen wurde, dass er nach Abschluss seiner Ausbildung zum Priester geweiht wurde. Als solcher arbeitete er zunächst in einer dem Hl. Florin geweihten Eigenkirche des Grafen. Von hier verbreitete sich der Ruf über den gottgefälligen Lebenswandel des Hl. Otmar überall im Land. Seit dem ruhmreichen Begräbnis des Hl. Bekenners Gall hielten seit den Zeiten König Dagoberts bis auf Karl Martell gottesfürchtige Kleriker die Wache am Grab des Heiligen, zum Teil waren es Schüler des Hl. Gall, zum Teil Männer, die von der Liebe Gottes entflammt diesen Dienst ausübten. Als die Wunderberichte vom Grab des Hl. Gall sich immer mehr häuften, wurde der Ort mit vielen Weihgeschenken in Form von Geld und Gut gefördert. Schließlich lag es nahe, mit den von allerorts zuströmenden Zuwendungen eine Klostergemeinschaft zu gründen. Hierzu erbat sich der Besitzer des Gebiets, in dem der Hl. Gall seine Zelle errichtet hatte, ein gewisser Waltram, vom Grafen Viktor einen zuverlässigen Mann, dem er den zu Ehren des Hl. Gall gespendeten Besitz anvertrauen könne, und wies dabei auf den Priester Otmar. Seine Bitte wurde erfüllt und nachdem Otmar die Zelle übernommen hatte, erwirkte Waltram bei Karl Martell die Bestätigung für die Einrichtung eines regulären Klosterlebens am Ort der Zelle des Hl. Gall durch den Priester Otmar, den er mitgebracht hatte.

Einfacheit und Fürsorge

Sogleich nach seiner Rückkehr begann Abt Otmar die notwendigen Gebäude zu errichten und bestimmte in kurzer Zeit das Leben der Brüderschaft in der Weise, dass zum unverrückbaren Mittelpunkt ihres Lebens der Gottesdienst wurde. Der Hl. Otmar war ein Liebhaber der Einfachheit. Er fastete häufig, liebte die Nachtwachen, und bemühte sich stets um das ununterbrochene Gebet. Dabei bewahrte er stets einen demütigen Sinn und floh vor der Ehre der Welt. Statt wie für seines gleichen üblich war bei den notwendigen Geschäften außerhalb des Klosters ein Pferd zu benutzen, zog es der Hl. Otmar vor, auf einem Esel seine Ausgänge zu erledigen. Große Liebe hatte er zu den Armen, und lies für diese in der Nähe des Klosters ein kleines Armenhaus errichten, wo diese aufgenommen und gepflegt wurden. Nach Möglichkeit übernahm der Heilige die Hilfeleistung an den Armen selbst. Oft verließ er auch zu nächtlicher Stunde das Kloster, um das Armenhaus aufzusuchen und selbst bei der Pflege der Kranken mitzuhelfen, wie das Waschen der Kranken, das Säubern von Wunden und Geschwüren, und die Darreichung von Nahrung. Aus diesem Grund wurde er von allen hochgeehrt und der Armenvater - “Pater Pauperum” genannt. Es kam auch vor, das er ohne Tunika nur mit dem Untergewand bekleidet ins Kloster zurückkehrte, weil er diese einem Armen geschenkt hatte. Einmal wurde er von König Pippin empfangen und großzügig beschenkt. Unter anderem erhielt er siebzig Pfund Silber für die Bedürfnisse der Brüderschaft. Als der Hl. Abt den Herrscherpalast verlassen hatte, schenkte er noch im Schatten seiner Tore stehend den größten Teil des Silbers an die hier zahlreich versammelten Armen. Mit einem ganz geringen Teil des Silbers kehrte er zu seinem Kloster zurück und kaufte dafür ein benachbartes Grundstück. Übermäßigen Reichtum empfand der Hl. Abt Otmar als Belastung, und zog deshalb für sich und die Bruderschaft die Genügsamkeit vor. Nach dem Tod Karl Martells besuchte Karlmann, der sich auf dem Weg nach Rom befand, um der Welt zu entsagen, des Gebetes wegen das Kloster des Hl. Gall. “Zwar ist dieser Ort armselig an Vermögen, aber wegen der Verdienste des Hl. Gall steht er im besten Ruf“, soll er über diesen Ort gesagt haben. Und da er sich von seinen Reichsgeschäften bereits getrennt hatte, schrieb er an seinen Bruder Pippin, dem Kloster einen Erweis seiner königlichen Freigebigkeit zu gewähren und übergab diesen dem Abt Otmar. Pippin, der damals noch Hausmaier war, erfüllte die Bitte seines Bruders und übergab dem Abt Otmar bei dieser Gelegenheit die Regel des Hl. Benedikt über das Gemeinschaftliche Leben der Mönche, mit dem Auftrag diese Regel bei sich einzuführen. Auf die Bitte des Abtes schenkte Pippin dem Kloster auch eine Glocke. Dann lies er einen Brief erstellen, in welchem Kraft seiner fürstlichen Macht bestätigt wurde, dass sowohl der anwesende Abt Otmar als auch seine Nachfolger ausschließlich den Reichsherrschern unterständen und die Verwaltung des Klosters nur durch königliche Gewalt verliehen werde. Seit jener Zeit war die vormalige Zelle des Hl. Gall in eine Benediktienerabtei umgewandelt.

Prüfungen

Zur Vervollkommnung seines tugendhaften Lebenswandels ließ es Gott zu, den Hl. Otmar wie in einem Feuerofen zu prüfen. Warin und Ruthard, zwei Verwalter, welche die Aufsicht über ganz Alemannien besorgten, fingen an, sich mit Kirchengütern zu bereichern die sich in ihrem Machtbereich befanden. Als die Enteignungen, die das Kloster des Hl. Gall durch die obengenannten Präfekten hinnehmen musste, den Grad erreichten, dass das Kloster zu darben begann, und man den Abgang von Mönchen und den Niedergang des Klosterlebens befürchten musste, wandte sich der Hl. Abt Otmar an König Pippin, und stellte ihm die tyrannische Auslegung der Verwaltungstätigkeit der beiden Präfekten vor Augen. König Pippin drohte daraufhin den beiden mit Entlassung aus ihrem Dienst, wenn sie den Kirchen nicht das zu Unrecht entrissene zurückerstatteten. Diese aber verachteten den königlichen Befehl und als der Hl. Otmar in derselben Sache wiederum zum König ziehen wollte, nahmen sie ihn auf dem Weg gefangen, und überredeten einen falschen Mitbruder des Hl. Otmar namens Lantpert, gegen den eigenen Abt Verdächtigungen zu äußern und ihn vor einer dazu einberufenen Volksversammlung eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit anzuklagen. Hierdurch wollten sie den Hl. Otmar von seinem Amt als Abt absetzen. Auf der Versammlung sagte Lantpert aus, er kenne eine Frau die durch ihren jetzigen Abt genotzüchtigt worden sei. Hierauf antwortete Otmar mit keinem Wort. Erst als man ihn von allen Seiten dazu drängte sich zu äußern sagte er: “Ich gestehe, zwar in vielem übermäßig gesündigt zu haben; doch gegen den Vorwurf dieses Vergehens rufe ich Gott, der mein Geheimstes sieht, zum Zeugen an.“ Mehr sagte er trotz der dringenden Mahnungen der Anwesenden nicht. Er hatte nämlich rasch festgestellt, dass sogar die Richter sich offenkundig der Anklage zuneigten, und so entschloss er sich der ganzen Angelegenheit den größtmöglichen Raum für Gottes Gerichte zu lassen, und nicht durch eigene Worte sich selbst zu rechtfertigen, um dem menschlichen Gericht zu gefallen. Nachdem die ungerechte Gerichtsversammlung den Gerechten verurteilt hatte, wurde der Hl. Abt Otmar in der Königspfalz beim Landgut Bodman eingekerkert. Niemandem wurde gestattet, ihn zu besuchen oder mit ihm zu sprechen. So verbrachte er mehrere Tage ohne Nahrung, bis es einem Klosterbruder Namens Perahtgoz gelang, nachts heimlich herbeizukommen und den Hl. Abt mit Nahrung zu versorgen.

Alter und Tod

Dann aber erwirkte ein einflussreicher Mann dieser Gegend mit Namen Gozbert von dem ungerechten Fürsten, dass ihm der Gottesmann anvertraut werde. Dieser brachte ihn auf die Insel Stein, heute Werd, bei der gegenwärtigen Stadt Stein am Rhein. Hier lebte der Hl. Otmar in völliger Zurückgezogenheit Gott unzerstreut mit Gebet und Fasten dienend noch etwa ein Jahr. Am 16. November 759 entschlief der Heilige auf derselben Insel und wurde in der dortigen Kapelle beigesetzt.

Wunder

  • 10 Jahre später gab der Heilige durch eine Erscheinung zu verstehen, dass man seinen Leib in sein Kloster überführen solle. Elf Klosterbrüder machten sich bereits Nachts auf, um noch am selben Tag wieder ins Kloster zurückzukommen, und als sie das Grab öffneten, fanden sie den Leichnam des Abtes unversehrt, bis auf eine äußerste Stelle der Ferse, die vom Wasser umspült war, und von daher wie in Verwesung übergegangen aussah. Nachdem sie dieses Wunder bestaunt und untereinander besprochen hatten, hoben sie den Leichnam voll ehrfürchtiger Freude auf und legten ihn auf ein Boot, entzündeten zu Häuptern und zu Füßen des Heiligen Kerzen und traten die Rückreise an. Als sie kaum vom Ufer abgestoßen hatten, brach ein großer Regen und Sturm los, so dass sie glaubten, nicht mehr Heil ans Ufer zu kommen. Der See wurde aufgewühlt und schien sein Inneres nach außen gekehrt zu haben, doch Dank der Fürbitte des Heiligen Otmar, bereiteten die Wellen den Ruderern überhaupt keine Schwierigkeiten, und kein Tropfen Regen, der ringsum niederprasselte, erreichte während der ganzen Überfahrt das Boot. Sogar die Kerzen auf dem Schiff brannten unverzagt bis der Leichnam des Heiligen das Kloster erreicht hatte.
  • Ein anderes Wunder bei der Überfahrt geschah, als sie sich nach dem Lobgesang zum Essen niedergesetzt hatten und sich entschlossen, zu dem Essen auch einen Becher Wein zu trinken. Da meldete der Diener, dass überhaupt an Getränken nichts mehr übrig sei, außer dem, was in einer ganz kleinen Flasche war, die Wein enthielt. Der Inhalt der Flasche war so gering, dass jeder nur einen Schluck für den Geschmack bekommen konnte. Da baten sie in brüderlicher Liebe dennoch jedem einen, wenn auch ganz kleinen, Anteil von dem Wein auszuschenken. Dabei wirkten die Gebete des Hl. Otmar eine wunderbare Vermehrung des Weines, so dass beim Ausschenken des Weins die Flasche nicht leerer wurde, und die Zahl der gefüllten Becher die Zahl der Trinkenden schließlich sogar überstieg. Erst als sie darüber Gott Lob und Dank gesagt hatten und sich zur Weiterfahrt gewendet hatten, hörte der Wein auf, weiter aus der Flasche zu quellen. Im Kloster angelangt, wurde der Leib des heiligen Mannes mit großer Ehrerbietung empfangen und zwischen dem Altar des Hl. Johannes des Täufers und der Wand beigesetzt, wo schon bald Wunder zu geschehen begannen.
  • Nach dem Hinscheiden des Hl. Abtes Otmar setzten die oben erwähnten Präfekten einen Mönch namens Johannes von der Reichenau zum Abt des Klosters des Hl. Gall ein, und behielten die dem Kloster entwendeten Besitztümer für sich. Außerdem überredeten sie den Vorsteher der Kirche von Konstanz, den Bischof Sidonius, dass er sich das Kloster des Hl. Gall unterwerfe, um so hemmungsloser das Geraubte behalten zu können. Da stimmte der Bischof ihren Einflüsterungen zu und begann die Brüderschaft des Hl. Gall zu bedrücken und ihnen Vorhaltungen zu machen, dass sie sich nur ja nicht eigenwillig seiner Macht widersetzten, da sie sonst viele Widerwärtigkeiten erfahren müssten. Als die Brüder schließlich mürbe geworden dem Willen des Bischofs sich unterwerfen wollten, wandte sich der Bischof Tello von Chur an Bischof Sidonius mit der Bitte, ihm zu liebe die Brüderschaft des Hl. Gall, unter der auch einige seiner Blutsverwandten waren, nicht ungerechter Behandlung auszusetzen. Bischof Sidonius wies dieses Gesuch aber voll Zorn zurück und lies ausrichten, dass er gegen jeden Widerstreber hart durchgreifen werde. Als er dann in die Kirche ging, um zum Schein vor den Gebeinen des Hl. Gall zu beten, traf ihn die Vergeltung. Plötzlich wurden seine Eingeweide in Aufruhr versetzt und eine sehr schmerzhafte Kolik setzte ein, dass er ohne Hilfe von anderen sich nicht mehr von der Stelle bewegen konnte. Gleichzeitig entleerten sich seine Eingeweide mit so großem Gestank, dass er sogleich aus der Kirche ausgestoßen wurde. Mit einem Wagen wurde er unverzüglich in das Kloster Reichenau befördert, wo sich seine Krankheit noch verschlimmerte, so dass fast kein Diener mehr bereit war, dem bereits sterbenden Bischof beizustehen. Nach wenigen Tagen gab Bischof Sidonius durch dieselbe Krankheit entkräftet seinen Geist auf.
  • Zu Beginn des 10. Jahrhunderts bemühten sich Nachfahren der räuberischen Präfekten für die Sünden ihrer Vorfahren Buße zu tun, so als hätten sie selber die Frevel jener begangen. König Konrad I. machte Schenkungen in Form von Gold, Silber und Stoffen an das Kloster und auch ein gewisser Rudolf, der Vater des Grafen Welhard, weil sie zur gleichen Sippschaft gehörten. Ein Sohn von Graf Rudolf mit Namen Heinrich, begann sich darüber zu schämen, als Zinsmann dazustehen, und unterließ gegen den Willen seines Bruders Welhard die alljährliche Abgabe in Form von Wachs und Eisen aus Füssen an das Kloster. Am Vortag des Festes des Hl. Otmar verunglückte darauf Heinrich in den Bergen auf der Jagd nach einem Rehbock, indem er von einem schmalen Felsen abstürzte und im Abgrund umkam. Noch in der Trauerzeit kam hierauf die Mutter mit ihrem einzigen Sohn Welhard und ihrer einzigen Tochter zum Kloster des Hl. Gall um Geschenke zu bringen und das unterlassene Eisen. Was durch die Verweigerung des Zinses gesündigt worden war, bereuten nun die drei für sich und den Verunglückten.

Textnachweis

Dieser Text stammt aus: "Orthodoxe Heiligenleben", Vorabdruck im Internet, S. 7ff Scan des Kapitels über den Hl. Otmar. Mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber.

Literatur

  • Gerold Meyer von Knonau: St. Otmar. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 24, Duncker & Humblot, Leipzig 1887, S. 546–548.

Weblinks