Lorica

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Lorica (lateinisch: Brustpanzer) nennt man eine Gebetsform aus dem keltischen Christentum, mit man um Gottes Segen und Schutz betet. [1] Mit der Lorica, die meist am Morgen gebetet wurde, soll vor allem das Unheil des kommenden Tages durch Gottes Hilfe abgewendet werden. Diese Form des Morgengebets wurde meist gesungen und hat vorchristliche Wurzeln in der keltischen Spiritualität.

Charakteristika

Eine Lorica ist eigentlich ein persönliches "Schildgebet". [2] Von diesen Gebeten sind etwa zwanzig aus dem achten und neunten Jahrundert überliefert. Sie wurden meist Heiligen wie Patrick, Gregor oder Brendan zugesprochen und kamen durch irische Mönche auf das Festland, wo sie die späteren lateinischen und volkssprachlichen Segensformeln beeinflusst haben. Charakteristisch für die Lorica ist, dass sie mit einer Anrufung der Dreifaltigkeit, der Engel und Heiligen beginnt. In Anschluss daran stellt sich der Betende direkt unter den Schutz der Angerufenen. Danach folgt eine litaneiartige, meist sehr lange Aufzählung, bei der genauer gesagt wird, was geschützt werden oder wie der Schutz aussehen soll. Der Beter zählt Tugenden und Kräfte auf, die sein Schutz gegen das Böse darstellen sollen. Biblisches Vorbild für die Struktur ist die paulinische Lorica iustitiae in Epheser 6,14.

Da die Lorica eigentlich als ein Morgenlied gestaltet ist, also einen Hymnus darstellt, gibt es vielfältige, meist kunstliedartige Vertonungen vor allem von der bekanntsten Lorica, der Lorica des heiligen Patrick. [3]

Lorica des heiligen Patrick

Die Lorica des heiligen Patrick ist ein in Irland entstandener Hymnus, der dem heiligen Patrick zugeschrieben wird. Der auch als Sankt Patricks Brustpanzer bekannte Hymnus ist in zwei verschiedenen Varianten überliefert und heute noch vor Ort populär. Er wird meist am St.-Patricks-Tag öffentlich gebetet und auch gesungen. Eine der beiden überlieferten Varianten wird mit den Worten "Wie der Hirsch schreit" bezeichnet, die andere ist der Brustpanzer im engeren Sinn. Erstere Überlieferung trägt auch den Titel "Fáeth Fiada" bzw. "Wie der Hirsch schreit", weil zu Patricks Zeiten die Legende erzählt wurde, dieser glatzköpfige Priester sei stärker als die (heidnischen) Druiden, denn er sei ein "Gestaltwandler"; er habe sich in einen Hirsch verwandelt und sei so den Soldaten eines Königs entkommen. [4] Man kann sich vorstellen, dass die Lorica-Variante, die als "Brustpanzer" bezeichnet wird, z.B. beim Ankleiden, etwa dem Anlegen des Mantels, ganz praktisch gebetet wurde: [5] Wenn also der Gläubige die Kordel durch die Ösen seiner Tunika zieht und um seinen Körper schlingt, betet er: "Ich binde mich heute...".

St. Patricks Brustpanzer (Wortlaut)

Ich binde mich heute
An den Starken der Dreieinigkeit,
Ich rufe denselben an, der drei in eins und eins in drei ist.
Ich binde den heutigen Tag für immer
Durch die Kraft des Glaubens, Christi Inkarnation,
Seine Taufe im Jordan,
Seinen Tod am Kreuz für mein Heil,
Sein Hervorbrechen aus dem verschlossenen Grab,
Seine Auffahrt in den Himmel,
Sein Kommen am Tag des Gerichts,
Ich binde mich heute daran.

Ich binde mich heute an die Macht
Der großen Liebe der Cherubim,
An das wohlwollende Urteil in der Stunde des Gerichts
„gut gemacht“,
Den Dienst der Seraphim,
Den Glauben der Bekenner, das Wort der Apostel,
Die Gebete der Patriarchen, die Schriften der Propheten.
Die guten Taten, die für den Herren geschahen,
Und die Reinheit der jungfräulichen Seelen.
Ich binde mich heute
An die Tugenden des strahlenden Himmels,
Die herrliche, lebenspendende Sonne,
Die Blässe des Mondes am Abend,
Das Aufblitzen unbeschränkten Lichtes,
Das stürmische Aufeinandertreffen wehender Winde,
Die feste Erde, das tiefe salzige Meer,
Rund um die ewigen Felsen.
Ich binde mich heute
An die Macht Gottes, die mich hält und führt,
Sein Auge, das über uns wacht,
Seine Kraft, die dich stehen läßt,
Sein Ohr, das auf meine Nöte hört,
Die Weisheit meines Gottes, die mich lehrt,
Seine Hand, die mich führt, sein Schild, der schützt,
Das Wort Gottes, das mir Sprache verleiht,
Sein himmlisches Heer, das mich bewacht.
Gegen die dämonische Lust der Sünde,
Gegen den Zwang, der der Versuchung Stärke gibt,
Gegen die natürlichen Lüste, die inwendig in mir streiten,
Daß feindliche Männer mich von meinem Weg wegbringen,
Wenige oder viele, in der Ferne oder in der Nähe,
An jedem Platz und zu jeder Zeit,
Gegen ihre starke Feindschaft
Binde ich mich an die diese heiligen Mächte.
Gegen Satans Zauber und Versuchungen,
Gegen falsche Worte der Häresie,
Gegen das Wissen, das entweiht,
Gegen den Götzendienst des Herzens,
Gegen die teuflische Macht der Hexen,
Gegen die Todeswunden und Verbrennungen,
Gegen die Schrecken erregenden Wogen und den vergifteten Pfeil
Schütze mich, Christus, bis du wiederkommst.
Christus sei mit mir, Christus sei in mir,
Christus sei hinter mir, Christus vor mir,
Christus sei neben mir, Christus laß es mir gelingen,
Christus tröste und stärke mich,
Christus unter mir, Christus über mir,
Christus in der Ruhe, Christus in der Gefahr,
Christus in den Herzen aller, die mich lieben,
Christus im Mund des Freundes und des Fremden.
Ich binde mich selbst an den Namen,
den starken Namen der Dreieinigkeit.
Ich rufe denselben an,
Der drei in eins und eins in drei ist,
von dem alles geschaffen ist,
Ewiger Vater, Geist, Wort:
Dank sei dem Herrn für meine Errettung,
Das Heil kommt von Christus, dem Herrn.
[6]

Gebetspraxis der Lorica als Aspekt keltisch-christlicher Spiritualität

In jüngster Zeit bemüht sich der anglikanische Geistliche David Adam [7] um eine Wiederbelebung der keltischen Gebetstradition und hat hierzu viele Bücher publiziert. In diesem Rahmen hat der schottische Pfarrer ein Buch mit dem Titel "The Cry of the Deer" [8] veröffentlicht, in dem er versucht, eine spirituelle Wegweisung auf Grundlage keltisch-christlicher Traditionen zu geben. Hierbei dient ihm die Lorica als Ausgangspunkt und Rahmen. Bemerkenswert ist, dass er auch das Jesusgebet anspricht und empfiehlt sowie Bezüge zwischen der orthodoxen und keltisch-christlichen Spiritualität herstellt. [9]

Literatur

  • David Adam: Der Gott, der uns umgibt. Leben aus der Kraft irischer Spiritualität, Neuenkirchen-Vluyn 2010.
  • Ryszarda Bulas: Fáeth Fiadha. Lorica swietego Patryka, in: Vox patrum 24 (2004), fasc. 46-47, S. 547-560.
  • Bożena Gierek: Das Motiv des Gottesschutzes in "St. Patrick's Breastplate" im Vergleich zu ähnlichen Motiven in jüdisch-christlichen, gnostischen und finnischen Traditionen, in: Anthropos 106 (2/2011), S. 611-617.
  • Willibrord Godel: Irisches Beten im frühen Mittelalter. Eine liturgie- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung, in: Zeitschrift für katholische Theologie 85 (3/1963), S. 261-321.
  • Thomas D. Hill: Invocation of the Trinity and the Tradition of the Lorica in Old English Poetry, in: Speculum 56 (April, 2/1981), S. 259-267.
  • Gearóid S. Mac Eoin: Invocation of the Forces of Nature in the Loricae, in: Studia Hibernica 3 (2/1962), S. 212-217.
  • Neil Dermott O'Donoghue: St. Patrick's Breastplate, in: James P. Mackey (Hrsg.): An Introduction to Celtic Christianity, 1989, S. 45-64.
  • Frieder Schulz: Von allen Seiten umgibst du mich. Gebetsgeschichtliche Studie über ein weit verbreitetes Segens- und Schutzgebet, in: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 32 (1989), S. 105-114.
  • John Francis Shearman: Loca Patriciana. No. VI. The Poems of Dubhtach Mac Ui Lugair: Prayer of Ninnius: Prayer of St. Mugent, in: The Journal of the Royal Historical and Archaeological Association of Ireland, Fourth Series, Vol. 3, No. 19 (Jul., 1874), S. 183-202.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vgl. auch zum Folgenden David Adam: Segen. Über mir, vor mir, unter mir. Gebetserfahrungen aus dem irischen Segen, Konstanz 1993, S. 9, 21.
  2. Vgl. auch zum Folgenden Peter Ochsenbein: Privates Beten in mündlicher und schriftlicher Form, in: Viva vox et ratio scripta. Mündliche und schriftliche Kommunikationsformen im Mönchtum des Mittelalters, hrsgg. v. Clemens M. Kasper und Klaus Schreiner, Münster 1997, S. 143-145.
  3. Vgl. z. B. bei Youtube: "The Deer's Cry", or St. Patrick's Breastplate, sung by Angelina
  4. Vgl. David Adam: Segen. Über mir, vor mir, unter mir. Gebetserfahrungen aus dem irischen Segen, Konstanz 1993, S. 8-9.
  5. Vgl. auch zum Folgenden David Adam: Segen. Über mir, vor mir, unter mir. Gebetserfahrungen aus dem irischen Segen, Konstanz 1993, S. 21.
  6. David Adam: Segen. Über mir, vor mir, unter mir. Gebetserfahrungen aus dem irischen Segen, Konstanz 1993, S. 14f.
  7. Vgl. zu David Adam die englische Wikipedia: David Adam (minister) (Stand: 4. Februar 2015).
  8. Vgl. David Adam: The Cry Of The Deer, London 1987.
  9. Vgl. David Adam: Der Gott, der uns umgibt. Leben aus der Kraft irischer Spiritualität, Neuenkirchen-Vluyn 2010 (dt. Übers. v. The Cry Of The Deer).