Engel

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Johannes R. Nothhaas: Die Engel

Im Alten und Neuen Bund sind die Engel von solcher Bedeutung wie der Hofstaat um einen König. Im Gebet der Kirche sind die Engel stets gegenwärtig. So gilt der Montag einer jeden Woche ihrem besonderen Gedächtnis. Das Troparion des Tages lautet:

Heerführer der himmlischen Scharen, wir Irdischen bitten euch: beschirmt uns durch eure Fürbitten im Schatten der Flügel eurer unstofflichen Herrlichkeit. Demütig rufen wir ohn’ Unterlass: Erfleht, dass wir befreit werden aus denn Gefahren, ihr Fürsten der überirdischen Mächte.

Hinzu kommen über das ganze Jahr verteilte Feste, die der Engel gedenken: 11. Januar, das Fest der zehntausend Engel (s. Dan 7,10 und Offenbg. 5,11), 26. März, Fest des Erzengels Gabriel, 6. September, Fest des Erzengels Michael, 8. November, Fest der Erzengel Michael und Gabriel und aller körperlosen Mächte.

Dieser den Engeln gewidmete Festreigen zeigt, wie umfangreich ihr Dienst im Heilshandeln Gottes ist: Der Erzengel Michael ist der Engel, der mit dem Flammenschwert den Eingang zum Paradies verwehrte. – Der Erzengel Gabriel ist der Bote Gottes, der der Gottesgebärerin die Überschattung durch den Heiligen Geist und die Geburt des Gottessohnes ankündigte.– Im Alten Bund ist der Besuch der drei Engel bei Abraham von entscheidender Bedeutung, weil sie dem Erzvater gegen alle Natur Nachkommenschaft angekündigt haben. Aus der Sicht des Neuen Bundes sind die drei Besucher transparent für die Erscheinung des dreieinen Gottes bei Abraham. - Auch im Kampf Jakobs mit dem Engel am Jabbokfluss gehen Engelerscheinung und Gegenwart Gottes in einander über.

Im System der Ausmalung der byzantinischen Kirche nehmen die Engel einen herausragenden Platz ein. Oft umgeben sie den Christus, der als Allherrscher aus der Kuppel wie aus einem himmlischen Fenster herab die versammelte Gemeinde segnet, in den Gestalten der Erzengel Michael Gabriel, Raphael und Uriel. Christus im Himmel ist dargestellt mit dem ihn umgebenden Hofstaat. In der Rangfolge nach unten nehmen die Fresken der Heilstaten des Herrn in der Ausmalung der orthodoxen Kirche ihren Platz an den Wänden ein. Die Bedeutung der Engel wird also allein schon durch ihren hohen Rang im Bildprogramm deutlich.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie auch im liturgischen Vollzug eine herausragende Funktion übernehmen. Beim Kleinen Einzug spricht der Priester, wenn er in der Mitte der Kirche angelangt ist, folgendes Gebet:

„Gebieter, Herr unser Gott, der Du im Himmel die Ordnungen und Heere der Engel und Erzengel eingesetzt hast zum Dienste Deiner Herrlichkeit, lass auch mit unserem Einzug heilige Engel einziehen, die mit uns die Liturgie vollziehen und Deine Güte mitverherrlichen.“

Aus diesen Worten wird deutlich, dass die Engel nicht nur als himmlische Liturgen verstanden werden, sondern auch als Mitvollziehende am Kleinen Einzug in unsrer irdischen Liturgie. Unsichtbar sind sie in unsrer Mitte dabei. Oder anders gesagt: wir Menschen sind gewürdigt mit ihnen in das Heiligtum des Altarraumes einziehen zu dürfen. Oder wiederum anders gesagt: Die Engel sind gewürdigt mit uns Gläubigen einziehen zu dürfen. Sie freuen sich der Gemeinschaft mit uns, weil es für sie eine Ehre ist, mit uns als wandelnden Tempeln des Heiligen Geistes einzuziehen. Aber für sie und für uns Menschen gibt es bei diesem Einzug eine noch höhere Ehre. Wir bilden nämlich die hohe und heilige Eskorte des Allherrschers Christus, der jetzt in seinem Wort in unsere Liturgie einzieht. Er ist der Mittelpunkt dieser Prozession. Der Ausruf des Diakons zum hoch erhobenen Evangelium inmitten der Gemeinde: „Weisheit! Aufrecht!“ ist wie der Heroldsruf: „Hier kommt der König! Erhebt euch!“ Denn „Weisheit“ ist ein Christusname. Christus ist die heilige Weisheit. Die große Kirche Hagia Sophia in Konstantinopel ist eigentlich eine Christuskirche. Die Engel und wir, jeder ist in seiner Weise von Ihm geheiligt.

Nach dem Kleinen Einzug betet der Priester (leider meist unverständlicherweise leise) folgendes wunderschöne Gebet:

„Gott, Du Heiliger, du ruhst im Heiligen. Die Seraphim besingen dich im Hymnus dreimal heilig, die Cherubim verherrlichen Dich. Alle himmlischen Mächte beten dich an. .... Du selbst, o Gebieter, nimm aus dem Munde von uns Sündern den Hymnus des Dreiheilig an und suche uns heim in Deiner Güte ....“

Dieses Dreiheilig ist der Engelgesang, den der Prophet Jesaja bei seiner Berufung durch Gott im Tempel in Jerusalem erlebt hatte, dessen Schwellen und Türpfosten von der Wucht und Macht dieses Gesangs bebten. Und in diesen hehren Chor dürfen wir Irdischen jetzt mit einstimmen!

Hier muss nun auch der für die Liturgie der Orthodoxen Kirche so typische Engelgesang, der Cherubimhymnus, erwähnt werden:

„Im Mysterium bilden wir die Cherubim ab und singen der Leben schaffenden Dreiheit den Hymnus des dreifachen Heilig. Lasset uns jetzt ablegen alle Sorgen dieser Welt, um zu empfangen den König des Alls, den unsichtbar erheben die Herscharen der Engel.“

„Wir bilden die Cherubim ab“ will sagen: Wir Menschen sind die sichtbaren Stellvertreter der Engel und markieren sichtbar genau den Ort, wo zwischen uns die Engel daherziehen. Die Garantie, dass dies so ist, bildet der Vollzug des eucharistischen Mysteriums (westlich formuliert: das eucharistische Sakrament). Christus, der König des Alls, zieht mit seinem himmlischen Hofstaat, den Heeren der Engel in unsre Kapelle ein. Wieder werden wir einbezogen in den die Schwellen des Tempels erschütternden Chorgesang. Wir stehen mit unserem Miteinstimmen sozusagen mit einem Bein im Himmel. Ganz der Situation angemessen ist es, dass wir in diesem Augenblick in Seiner Gegenwart dann alle irdischen Sorgen vergessen können.: „Lasset uns jetzt ablegen alle sorgen dieser Welt ..!“ So ist die Göttliche Liturgie der Ort, von dem Christus vorausschauend spricht: „Von nun an werdet ihr den Himmel offen und die Engel Gottes zum Menschensohn auf- und niedersteigen sehen“ (Joh. 1,51).

In der Ektenie zur Darbringung der eucharistischen Gaben bittet der Diakon:

„Einen Engel des Friedens und einen treuen Geleiter, einen Wächter für unsere Seelen und Leiber, lasset vom Herrn uns erflehen!“

Das Gebet zeigt uns, wie die Engel allezeit bereit sind, uns auf unseren Wegen zu begleiten. Angefangen von der hl. Taufe – da hat Gott einem jeden von uns einen Engel zur Seite gegeben. Er will uns davor bewahren, in die finstere Selbstbezogenheit abzugleiten. Sie stellen unser Leben vor Gott. „Ihre Engel schauen im Himmel allezeit das Angesicht meines Vaters“ (Mt 18,10). Sie sind mit einer gewissen Vereinfachung gesagt, der Gott zugewandte Aspekt unseres Daseins. Sie sind aber auch für uns Quelle der Erfahrung der göttlichen Energien. Zwar körperlos, aber nicht leiblos sind sie Träger des göttlichen Lichtes, der göttlichen Herrlichkeit. Die Ausrichtung unseres Geistes auf die Engel, die Zuwendung zu ihnen, ist eine Steigerung und Intensivierung unseres Menschseins.

Der letzte Große Einzug aber steht noch bevor:

An jenem Tage, wo er plötzlich wird erscheinen
und alle Heiligen Ihm entgegenzieh’n,
und alle jene helle Lampen tragen,
die sich eh und je mit Eifer müh’n,
sich auf Sein Kommen vorbereiten,
da werden Engel und Himmelswächter sich freu’n,
mit Frohlocken ihre Häupter krönen.
(Ephrem, der Syrer)

Erstveröffentlichung und Urheberrecht

Priester Johannes R. Nothhaas, Orthodoxe Gemeinde des Hl. Christophorus, Mainz. Bei Fragen an den Autor zum Artikel und dem orthodoxen Glauben: nothhaas@googlemail.com

Der Artikel als Faltblatt: Datei:Die Engel.doc