Bilhildis von Altmünster

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Gedenktag: 27. November

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Inhaltsverzeichnis

Artikel: Die hl. Äbtissin Bilhildis und das Schweißtuch Christi zu Mainz, Teil 1

In dem hier vorliegenden Aufsatz soll in einem ersten Teil die hl. Äbtissin Bilhildis vorgestellt werden. Sie lebte und wirkte im 8. Jahrhundert im Rhein-Main-Gebiet und war vermutlich fränkischer Abstammung. Den Großteil ihres Lebens verbrachte sie in Mainz, wo sie das Frauenkloster „Altmünster“ gründete, dem sie als erste Äbtissin vorstand. In dem zweiten Teil soll auf das Schweißtuch Christi eingegangen werden, dass nach der Überlieferung mit der hl. Bilhildis im Zusammenhang steht und von dem ein Teil bis heute in Mainz vorhanden ist.

Die Überlieferung der hl. Bilhildis in Viten und Urkunden

Das Leben der hl. Bilhildis ist in mehreren lateinischen und deutschen Viten überliefert. Die früheste Vita der hl. Bilhildis stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Sie ist vermutlich eine Dichtung einer Nonne des Altmünsters in Mainz, und heute nicht mehr erhalten. Neben den überwiegenden Prosaviten liegt auch eine lateinische Vita in Versform von einem gewissen Herbelo vor, die aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammt und heute nur noch fragmentarisch als Nachdruck vorhanden ist. Sie ergänzt inhaltlich die Prosaviten der hl. Bilhildis. Neben den Viten der hl. Bilhildis sind mehrere Urkunden über die Klostergründung des Altmünsters in Mainz vorhanden. Sie sind heute nur noch in gefälschten Fassungen des 12. Jahrhunderts überliefert, aus denen sich trotzdem wichtige Daten und Fakten gewinnen lassen.

Die gefälschte Gründungsurkunde

Bei der gefälschten Gründungsurkunde des 12. Jahrhunderts, die sich auf die Schenkung der Klostergüter und dessen rechtliche Stellung bezieht, lassen sich heute spätere Zusätze vom ursprünglichen Original trennen, so dass die Originalurkunde, auf die die Fälschung zurückgeht, auf die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts datiert werden kann. Diese Urkunde beinhaltet mehrere Unterschriften von Zeugen, die sie als echt bestätigen sollten. Die Liste der Zeugen kann im Allgemeinen als echt angenommen werden, da die meisten der genannten Personen geschichtlich zugeordnet werden können. Aus dieser Zuordnung ergibt sich der Zeitraum zwischen 720 und 738 als Ausstellungsdatum der Originalurkunde.

Allerdings beinhaltet die Urkunde chronologische Schwierigkeiten. Wie auf der Urkunde vermerkt ist, soll sie angeblich 635 ausgestellt worden sein. Gleichzeitig bezieht sie sich auf einen König Clodoveus, der 14 Jahre regiert haben soll. Als Ausstellungstag wird Donnerstag, der 22. April angegeben.

Der Name Clodoveus wurde später als Chlodwig interpretiert, aber keiner der drei Könige, die im 7. Jahrhundert unter dem Namen Chlodwig regierten, lässt sich der Jahreszahl und der Regierungszeit von 14. Jahren zuordnen. Es ist wahrscheinlich, dass der Name des Königs schon sehr früh falsch überliefert wurde und so später in den Viten und Urkunden falsch übernommen wurde. Die in der Zeugenliste angegebenen Mainzer Bischöfe Rigibert und Gerold, die um 720 bezeugt sind, lebten zur Zeit des Königs Theuderich IV. (721-737), der 16 Jahre regierte. Zu ihm lassen sich die Personen der Zeugenliste und auch die genannten 14. Regierungsjahre zuordnen. Auch der Donnerstag als Ausstellungstag ist in diesem Zeitraum möglich. So ergibt sich, dass die Originalurkunde mit hoher Wahrscheinlichkeit am 22. April 734 ausgestellt wurde.

Der Zweck der Anfertigung dieser Urkunde war ein einfacher: Durch sie sollten die Güter des Klosters bestätigt werden und ein späterer Zugriff von außerhalb auf sie verhindert werden. Gleichzeitig sollte das Privileg der Unabhängigkeit des Klosters gegenüber den Mainzer Bischöfen bestätigt werden.


Bilhildis` Geburt und Familie

Die Viten der Heiligen Bilhildis geben leider keine brauchbare Auskunft über ihre Geburt und ihre Lebensdaten. Sehr wahrscheinlich ist sie in den Jahren um 700 geboren. Nach der Überlieferung waren ihr Vater Iburin und ihre Mutter Mathilde fürstlicher Abstammung und lebten auf einem fränkischen Schloss. Bilhildis war die älteste von drei Töchtern. Ihre Schwestern Hildegard und Reginhild wurden später Nonnen, Reginhild wahrscheinlich im Kloster ihrer Schwester in Mainz.

Alle Viten berichten übereinstimmend, dass Bilhildis in „Höchheim“ am Main geboren wurde. „Höchheim“ wurde verschiedentlich als das bei Wiesbaden gelegene Hochheim oder als die bei Würzburg gelegenen Veitshöchheim und Margetshöchheim interpretiert. Welcher dieser Orte wirklich der Geburtsort der hl. Bilhildis ist, lässt sich heute nicht mit absoluter Sicherheit ermitteln. Als wahrscheinlich erscheint Hochheim bei Wiesbaden, obwohl die Volkstradition Veitshöchheim als Geburtsort überliefert hat.

Durch eine Rekonstruktion der Namensstruktur der Familie Bilhilds, lassen sich heute die damaligen Besitzverhältnisse ihrer Familie relativ gut nachvollziehen. Ihre Großfamilie besaß Güter und Ländereien im Kreis Landau, in Mommenheim bei Mainz, in Saulheim bei Alzey, in Asselheim bei Grünstadt, in Worms und seiner Umgebung, in Seckenheim am Neckar und in Gembsheim bei Oppenheim. Es zeigt sich ein großer Familienverband, der zu Lebzeiten der hl. Bilhildis in Rheinhessen größere Bedeutung besaß. Diese Bedeutung wird auch dadurch unterstrichen, dass die Familie Bilhilds schon vor dem Jahr 700 sowohl den Mainzer Bischof, und sehr wahrscheinlich auch den Erzbischof von Reims stellte.


Der Aufenthalt in Würzburg

Nach der Lebensbeschreibung der hl. Bilhildis wurde sie schon als kleines Kind von noch nicht einmal drei Jahren von ihren Eltern nach Würzburg gebracht. Dort soll eine gewisse Kunigunde gelebt haben, die Bilhildis aufnahm und erzog. Sie war vermutlich über das mainfränkische Herzogshaus mit Bilhildis verwandt.

In Würzburg soll Bilhildis christlich erzogen worden und an eine geheiligte Lebensweise gewöhnt worden sein. Alle Viten berichten, dass sie für die Vorbereitung der Taufe in den Stand der Katechumenen aufgenommen wurde, aber aus ungeklärten Gründen nicht getauft wurde. Als Grund geben die Viten kriegerische Auseinandersetzungen an, was in Bereich des Möglichen liegt.

Da Würzburg im 7. und 8. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der irischen Mission war, kann man davon ausgehen, dass Bilhildis Familie die irische Religiosität und Lebensweise kannte und von ihr geprägt war.


Bilhildis` Rückkehr zu ihren Eltern

Nachdem sich die kriegerischen Auseinandersetzungen wieder etwas beruhigt hatten, wurde Bilhildis zu ihren Eltern zurückgebracht. Dort soll sie mit ihren Schwestern auf dem Gut ihres Vaters in frommer Weise gelebt haben. Schon hier soll sie aktiv gegen die noch vorhandenen heidnischen Bräuche vorgegangen sein. So berichtet die Legende, dass das heidnische Venusfest vom Volk ausgiebig gefeiert wurde. Um dem ein Ende zu bereiten, soll Bilhildis durch ihren Vater beim König erreicht haben, dass das Fest der Venus nicht mehr gefeiert werden durfte.


Die Ehe mit Herzog Hetan II.

Als Bilhildis das entsprechende Alter erreicht hatte, warb nach der Legende ein gewisser Herzog Hetan um ihre Hand. Eine so frühe Verheiratung – Bilhildis war vermutlich 12-15 Jahre alt, war im fränkischen Hochadel nichts Ungewöhnliches. Hetan gehörte dem würzburgischen Herzogsgeschlecht der Hedenen an, die im fränkischen Raum eine großgrundbesitzende Führungsschicht darstellten. Durch sie ist vermutlich auch das athanasianisch geprägte Christentum in diesen Gebieten von den Franken angenommen geworden. Trotzdem ist auch in späterer Zeit immer wieder vom hartnäckigen Heidentum in Thüringen und Hessen zu hören. Es ist zu vermuten, dass nur die Oberschicht, oder ein Teil der Oberschicht wirklich christlich geworden war, aber das einfache Volk noch einen starken Hang zum Heidentum besaß.

Aufgrund der fehlerhaften Chronologie der Bilhildisvita, wurde mit ihrem Ehemann oft der Frankenherzog Hetan I. gleichgesetzt, der um 640 geboren ist. Aus der Rekonstruktion der Lebensdaten der hl. Bilhildis kann aber nur Hetan II. in Frage kommen . Er war - urkundlich belegt - von 704 bis 716 mit einer gewissen Theotrada verheiratet und hatte eine Sohn Thuring. Theotrada musste zur Zeit der Brautwerbung um Bilhildis bereits verstorben sein, damit eine erneute Ehe Hetans II. überhaupt möglich war. Auch Hetans einziger Sohn Thuring hatte bereits sein Leben verloren. So erscheint es wahrscheinlich, dass Hetan sich möglichst schnell eine neue Frau nehmen wollte, um einen neuen Erben zu zeugen.

Da sein verstorbener Sohn Thuring vermutlich ein Bindeglied zwischen den Mainfranken und den Thüringern werden sollte, aber dann sehr früh gestorben war, erschien aus machtpolitischen Gründen eine Heirat mit Bilhildis sinnvoll. Ein Sohn aus dieser Ehe würde die Verbindung zwischen den Mainfranken und den Thüringern wiederherstellen. Zudem würde der Machtbereich von Bilhildis Vater nach dessen Tod zum Teil an Hetan abgetreten werden, da er keine Söhne hatte.

Laut Vita erbat sich Bilhildis Vater nach dem Antrag Hetans eine Bedenkzeit, da ihm Bilhildis noch zu jung für eine Heirat erschien. Zudem berichtet die Vita, dass Hetan noch Heide gewesen sei, was eine Heirat erschwert hätte. Diese Behauptung ist allerdings schwer zu halten, denn Hetan II. war sehr wahrscheinlich Christ. Er stand u.a. mit dem hl. Willibrord in Kontakt und unterstützte ihn bei seinem Werk. Die Annahme, Hetan sei noch Heide gewesen, folgte vermutlich aus der falschen chronologischen Einordnung der Lebensdaten der hl. Bilhildis in der Vita.

Bald nach dem Heiratsantrag soll Bilhildis Vater Iberich an einer Krankheit gestorben sein. Nach einem erneuten Vorsprechen Hetans soll Bilhildis Mutter der Heirat zugestimmt haben. So wurde Bilhildis die zweite Frau des Herzogs Hetan II. Nach der Legende soll an der prunkvollen Hochzeit sogar das Königspaar teilgenommen haben. Nach den Feierlichkeiten soll das jungvermählte Paar eine Hochzeitsreise, vermutlich auf einem Schiff über den Main, nach Bamberg unternommen haben, wo die Stämme der Franken nochmals Hetan und seiner Braut huldigten.


Die Umsiedlung nach Mainz

Schon kurz nach der Hochzeit, die wahrscheinlich 718 stattfand, wurde Hetan vom König auf einen Kriegszug geschickt. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um die Auseinandersetzungen des Königs Chilperichs II. mit Karl Martell im Jahr 719.

Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen blieb Karl Martell siegreich. Hetan, der vermutlich auf der Seite des Königs kämpfte, kam von dem Kriegszug nicht mehr lebend zurück.

Noch bevor er zum Feldzug aufgebrochen war, wurde Bilhildis mit einem Sohn schwanger und erbat sich von ihm die Rückkehr zu ihrer Mutter, was ihr gestattet wurde. Nach den Prosalegenden soll sie aber nur eine Nacht und einen Tag bei ihrer Mutter geblieben sein. Dann brach sie nach Mainz zu ihrem Onkel, Bischof Rigibert, auf, um sich der ihr aufgezwungenen Ehe zu entziehen. Dort erreichte sie nach einiger Zeit die Nachricht vom Tod ihres Mannes.

Die metrische Vita zeichnet ein anderes Bild: so soll Bilhildis zwar nach Mainz gekommen sein, aber ohne sich verstecken zu wollen, was durch eine rührende Totenklage der metrischen Vita über ihren Gemahl unterstrichen wird.

Ein Grund, sich nach Mainz zurückzuziehen, könnte auch die ungewisse Zukunft Bilhilds gewesen sein. Ohne Hetan war Bilhildis praktisch schutzlos. Der einzige männliche Erbe war ihr Sohn, der wohl in Mainz das Licht der Welt erblickt hat. Ihr Onkel, Bischof Rigibert, nahm sich nach dem Tod Hetans ihrer an und schützte sie so vor den machtpolitischen Ränken anderer.


Die Gründung des Altmünsters

Bilhildis Sohn wurde nach der metrischen Vita auf den Namen Sigebertus oder Rigibert getauft, wahrscheinlich von Bischof Rigibert. Er starb bereits 722 im Alter von nur drei Jahren. Mit ihm starb das Herzogsgeschlecht der Hedenen im Mannesstamm aus. Mit ihm war auch die letzte große Verpflichtung von Bilhildis genommen worden, und sie richtete nun ihr Leben auf die Gründung eines Klosters in Mainz aus, das sie wohl schon bald nach ihrer Ankunft in Mainz geplant hatte.

Nach der Prosavita lebte Bilhildis erst in einer ihr zur Verfügung gestellten Wohnung mit ihren Dienerinnen. Dort richtete sie eine Kapelle ein, die bald nicht mehr ausreichte, da sich mehrere Jungfrauen zu ihr gesellten. Schon während dieser Zeit besuchte sie die Kranken der Stadt und kümmerte sich um die Armen, wodurch sie das Herz des Volkes an sich gezogen haben soll. Sie kaufte sogar ein großes Stück Land vor der Stadt und gab es den Armen und den Reichen gleichermaßen als Weide für das Vieh.

Um ihre weltlichen Angelegenheiten für eine Klostergründung zu ordnen, kehrte sie vermutlich noch im Jahr 719 zwischenzeitlich nach Hochheim zurück. Nach der Legende brachte Bilhildis aus ihrem Besitz zwölf rot gefärbte, vergoldete Schilde mit, und ebensoviel schwarze Pferde, mit denen sie von Bischof Rigibert ein Grundstück kaufte . Auf diesem begann sie um das Jahr 720 mit den Bauarbeiten für das Altmünster von Mainz. Der Gründungsvorgang wurde vermutlich von Bischof Rigibert unterstütz. Vollendet werden konnte das Kloster aber erst unter seinem Nachfolger, Bischof Gerold, da Rigibert bereits im Jahr 720 starb. Der Gründungsvorgang und die Errichtung der notwendigen Gebäude nahmen sicherlich mehrere Jahre in Anspruch. Die Ausstattung des Klosters wurde durch das Vermögen und das Erbgut von Bilhildis geprägt und gefördert. So besaß das Kloster bis ins 13. Jahrhundert u.a. Ländereien bei Margetshöchheim, die auf Bilhildis zurückgeführt werden können.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das ursprüngliche Kloster an irischen Vorbildern orientiert war, denn schon Bilhildis Familie kannte die Lehren der irischen Mönche. Trotzdem war es vermutlich kein typisches Irenkloster im eigentlichen Sinn. So könnte die erste Verfassung des Klosters an irischen Leitbildern orientiert gewesen sein, vielleicht nach dem Vorbild des Klosters Oeren in Trier, zu dem einige Parallelen bestehen. Beide Klöster hatten die gleichen Patrozinienkombination der Gottesmutter und des Apostels Paulus und in beiden finden sich Ähnlichkeiten in der Verfassung und in der politischen Loslösung gegenüber den Ortsbischöfen. Aus diesen Zusammenhängen wurde auch vermutet, dass es sich bei dem Altmünster um ein Filialkloster des Trierer Oeren handelte.


Bischof Rigibert von Mainz

Bischof Rigibert von Mainz stammte vermutlich aus der Mainzer Diözese, da das Konzil von Paris im Jahr 614 festgelegt hatte, dass die Bischöfe ihren Diözesen entstammen sollten .

In der Zeugenliste der Urkunde über die Gründung des Altmünsters unterzeichnete ein Erz-Bischof Rigibert. Mit ihm wurde oft der Mainzer Bischof Rigibert identifiziert, der Bilhildis aufnahm. Die kleine Abweichung des Titels wurde dabei auf einen Übertragungsfehler zurückgeführt.

Da aber Bischof Rigibert schon 720 gestorben ist, und er wahrscheinlich den Abschluss der Gründung des Klosters nicht mehr miterlebte, kann er auch nicht die Urkunde, die erst 734 ausgestellt wurde, unterschrieben haben. Wahrscheinlicher ist, dass es sich bei dem genannten Erzbischof Rigibert um den Erzbischof von Reims handelt, der mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Bilhildis verwandt war und erst um 740 starb.

Nach dem Tod von Bischof Rigiberts von Mainz wurde Bischof Gerold eingesetzt. Er war Rigibert vermutlich schon zu Lebzeiten zur Unterstützung und Kontrolle zugeteilt worden, da Rigibert offenbar auf Seiten des Königs, Gerold aber auf Seiten Karl Martells stand. Bischof Gerold starb vermutlich. im Jahr 738.


Das Leben der hl. Bilhildis als Äbtissin

Über das Leben der hl. Bilhildis als Äbtissin von Altmünster ist nur wenig bekannt. In den jüngeren Viten wird ihre Mildtätigkeit gegenüber den Armen der Stadt betont. Nach der Legende hatte sie die Gabe der Herzensschau. So konnte sie auf besondere Weise den Menschen Hilfe sein. Bilhildis soll sich auch besonders um Mütter während der Geburt gekümmert haben und ebenso um Frauen, die nach der Geburt oder durch Krankheit in Lebensgefahr waren. Auch unfruchtbare Eltern sollen auf ihre Gebete hin mit Kindern gesegnet worden sein.

Zudem wird der Bau der Kirche des hl. Paulus in Mainz auf sie zurückgeführt. Vermutlich stand diese Kirche dem einfachen Volk zur Verfügung. Möglich ist auch, wie die deutschsprachige Vita angibt, dass Bilhildis bei der Gründung dem Kloster eine Priestergemeinschaft beigab, für die die Pauluskirche errichtet wurde.

Nach den Prosaviten wurden dem Kloster mehrere Schenkungen gemacht. Dazu gehörten u.a. Reliquien der heiligen Märtyrer der thebäischen Legion und der Jungfrauen der hl. Ursula von Köln. Als wichtigste Reliquie wurde dem Kloster das Schweißtuch Christi geschenkt, das im Evangelium (Joh 20,7) nach der Auferstehung Christi abgesondert von den Leichentüchern aufgefunden wurde. Nach der Überlieferung machte diese Schenkung eine königliche Fürstin, die später selbst als Nonne in das Kloster eintrat. An späterer Stelle wird noch einmal ausführlich auf das Schweißtuch eingegangen.


Bilhildis` Taufe

Erst gegen Ende ihres Lebens soll Bilhildis getauft worden sein. Es berichtet die Legende, dass drei heiligmäßig lebenden Nonnen im Traum durch einen Engel offenbart wurde, dass Bilhildis noch ungetauft war. Die drei Nonnen berichteten dies der hl. Bilhildis, die die Träume für unbedeutend hielt. Trotzdem wurde der Bischof von Mainz unterrichtet. Dieser nahm die Visionen der Nonnen ernst und ordnete Gebet, Fasten und Wachen an, um Klarheit zu erlangen.

In dieser Zeit des Fastens soll dem Bischof selbst offenbart worden sein, dass Bilhildis noch ungetauft war. Er teilte dies Bilhildis mit und sie begann nun, sich auf die heilige Taufe vorzubereiten. Schließlich wurde sie vom Bischof getauft. Erst bei dieser Taufe soll sie den Namen ‚Bilhildis‘ erhalten haben. Vorher führte sie den Namen Mathildis, benannt nach ihrer Mutter. Nach der Taufe soll Bilhildis das Kloster nicht mehr verlassen haben. Sie entsagte allen weltlichen Dingen und soll die Gnadengabe der Tränen erhalten haben.

Dass Bilhildis fast ihr ganzes Leben lang, sogar als Vorsteherin eines Frauenklosters, ungetauft gewesen sein soll, erscheint fast unglaublich. Ihre Lebensweise und ihre Werke weisen sie als Heilige aus, und das ganz ohne die Gnade der heiligen Taufe. Der Bericht erscheint so unwahrscheinlich, dass die Überlieferung gerade dadurch wieder glaubhaft wird.


Krankheit und Tod

Die Lebensbeschreibungen überliefern den 27. November als den Todestag der hl. Bilhildis. Über das Jahr, in dem sie starb, wird nichts berichtet. Nach den hier angenommenen Lebensdaten der hl. Bilhildis, muss ihr Tod um das Jahr 760 stattgefunden haben.

Sie soll kurz vor ihrem Tod an einem Fieber erkrankt sein. Als sie merkte, dass sie sterben würde, empfing sie die hl. Mysterien und rief alle Nonnen zusammen, um sie ein letztes Mal in Demut und Liebe zu ermahnen, worauf sie entschlief.

Die Legende berichtet, dass ihr Körper kurz nach ihrem Tod von einem großen Glanz überstrahlt wurde und einen lieblichen Geruch ausströmte.


Beisetzung

Bilhildis Leichnam wurde drei Tage in der Kirche des Altmünsters aufgebahrt und das Volk strömte herbei um Abschied zu nehmen. Dabei sollen einige aus dem Volk von Fieber geheilt worden sein, andere von Kopfschmerzen und weiteren Krankheiten. Außerdem sollen zwei Blinde das Augenlicht erhalten haben. Auch ein Mann mit großen Brandwunden soll geheilt worden sein. Sogar ein im Rhein Ertrunkener, der vor den Leichnam der hl. Bilhildis gelegt wurde, soll ins Leben zurückgekehrt sein.

Schließlich wurde ihr mit Essenzen behandelter Körper bestattet. Dazu kamen der gesamte Klerus und ein großer Teil der Bevölkerung von Mainz herbei. Unter Tränen wurde Bilhildis in der Kirche, die sie selbst erbaut hatte, beigesetzt.


Wunder nach dem Tod

Am ihrem Grab sollen mehrere Wunder geschehen sein, wobei die älteren Viten kein konkretes Beispiel geben. Erst die jüngeren Legenden berichten von einzelnen Wundern. So sollen nachts mehrmals brennende Lichter an ihrem Grab gesehen worden seien. Auch soll aus ihrem Grab – wie schon aus ihrem Leichnam – ein lieblicher Geruch hervor geströmt sein und Frauen sollen ihre toten Kinder auf die Fürbitte der hl. Bilhildis wieder erhalten haben. Und noch aus dem Jahr 1727 berichtet Pater Gropp, dass bis in seine Zeit Wunder auf die Fürbitte der hl. Bilhildis stattfanden.

Besonders durch die relativ schlichte Art der Beschreibung der hl. Bilhildis in den älteren Viten, die offenbar später von mittelalterlichen Ausschmückungen und Überladungen von Wundern verschont geblieben sind, wird die Echtheit des Berichtes unterstrichen.


Die Entwicklung des Altmünsters bis heute

Über die anschließende Entwicklung des Klosters nach dem Tod der hl. Bilhildis ist nur wenig bekannt. Außer dem Gründungsakt selbst ist aus dem 8. und 9. Jahrhundert nichts überliefert. Seit 762 ist mehrmals eine Marienkirche in Mainz belegt, die wahrscheinlich identisch ist mit der Kirche des Klosters. Eindeutig belegt ist das Kloster erst aus dem Jahr 817. Damit gehört es zu den ältesten Frauenklöstern des Rheinlandes.

Im 10. Jahrhundert war das Kloster in adeligem Besitz und hatte seine Selbstbestimmung und den Schutz des Mainzer Bischofs eingebüßt. 966 verschenkte Kaiser Otto I. das Kloster an das Magdeburger Erzstift. In der ersten Hälfte des Jahres 1112 konnte es von Adalbert I. zurück erworben werden. 1235 reformierte Erzbischof Siegfried III. das Altmünster und setzte die Zisterzienserregel durch. Später wurde das Kloster bei einer Neubefestigung der Stadt Mainz abgerissen und weiter zum Zentrum der Stadt hin 1656 wieder aufgebaut.

Im 18. Jahrhundert erlebte das Kloster noch einmal eine Blüte. Während dieser Zeit wurde der Kirchenschatz an Kunstgegenständen stark ausgebaut. Aber durch die früh einsetzende Säkularisierung und die Auflösung des Klosters durch den Mainzer Kurfürsten im Jahr 1781 zu Gunsten der Universität, wurden die Kunstgegenstände verkauft und die Gebäude umfunktioniert. Somit endete das über 1000 Jahre bestehende Kloster.

Als die Universität keinen Gebrauch mehr von den Gebäuden machte, wurde das Altmünster Militärlazarett. 1895 wurde die Kirche der Garnison für ihre evangelischen Gottesdienste überlassen. In dieser Zeit verschwanden die Gebäude des alten Klosters vollständig. Von 1918 bis 1930 wurde die Kirche den katholischen Truppen Frankreichs zur Verfügung gestellt, ab 1931 ist sie evangelische Pfarrkirche. Im 2. Weltkrieg brannte die Kirche völlig aus und wurde 1958 völlig umgebaut.

Heute steht an der Stelle des Altmünsters eine moderne evangelische Kirche. Nichts erinnert mehr an das einstige Frauenkloster der hl. Bilhildis.


Die Verehrung der hl. Bilhildis

Da sich Bilhildis Name noch nicht in dem großen Martyrologium des Mainzer Erzbischofs Hrabanus Maurus (847-856) findet, kann der Beginn der Verehrung frühestens auf die Mitte des 9. Jahrhunderts datiert werden. Der erste schriftliche Nachweis der Verehrung findet sich in einem Kalender eines Mainzer Sakramentars aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Bilhildis wurde also zwischen 850 und 950 als Heilige offiziell anerkannt und in die Kalender der Kirche eingeschrieben. Es lässt sich vermuten, dass zur ihrer Kanonisierung die erste Vita verfasst wurde. Ihr Kult blieb anscheinend lange auf Mainz beschränkt, denn in anderen Kalendern fehlt ihr Name bis ins 11. Jahrhundert. So wurde auch erst 1289 im Altmünster ein Altar zu Ehren der hl. Bilhildis errichtet.

Im 18. Jahrhundert lebte ihr Kult in Veitshöchheim auf, das sich bis heute als ihr Geburtsort ansieht. Dort ist seit 1720 ein Bilhildisfest bekannt, dass am Sonntag nach Pfingsten gefeiert wird.


Reliquien der hl. Bilhildis

Bei der Umsetzung des Klosters aufgrund der neuen Befestigungsanlagen von Mainz wurden die Reliquien der hl. Bilhildis geborgen und in Reliquiaren eingefasst. So wird berichtet, dass es in Altmünster eine Bilhildisfigur in Lebensgröße aus massivem Silber gab, in deren Brust eine Reliquie eingelassen war, die mit Steinen besetzt war. Weiterhin gab es ein vergoldetes Brust-Bildnis aus Silber, das eine Reliquie enthielt. Auch eine Hand der hl. Bilhildis war in vergoldetes Silber gefasst.

Nach der Aufhebung des Klosters wurden die Reliquiare wahrscheinlich eingeschmolzen. Die Reliquien selbst überließ man den restlichen Nonnen des Klosters, die auf andere Frauenklöster der Stadt verteilt wurden. Teile der Reliquien gelangten in unterschiedliche Kirchen, so z.B. in die Liebfrauenkirche und die St. Stefanskirche in Mainz. Das Schweißtuch Christi, das Bilhildis geschenkt worden sein soll, wurde in das Weisfrauenkloster in Mainz gebracht. Der Großteil der Reliquien gelangte wohl nach Einführung der Reformation in den Mainzer Dom, wo sie während der Säkularisierung fast vollständig untergingen.

Ein Armreliquiar der hl. Bilhildis ging am 27.02.1945 verloren, als die St. Emmeranskirche, in dessen Turm es aufbewahrt wurde, bei einem Bombenangriff völlig ausbrannte.

Trotzdem sind bis heute noch Teile der Reliquien der hl. Bilhildis erhalten. 1723 wurde ein größerer Knochenpartikel mit einem Bild der hl. Bilhildis nach Veitshöchheim übertragen. Zu den Feierlichkeiten sollen über 800 Personen gebeichtet und kommuniziert haben. In den folgenden Jahren sollen über 1000 Kommunikanten am Fest der hl. Bilhildis gezählt worden sein.

1990/91 wurde der Schädel der hl. Bilhildis, der sich im Mainzer Dom befindet, anthropologisch untersucht. Bei ihm handelt es sich um den Schädel einer Frau, die 60 oder mehr Jahre alt geworden ist. Sie starb C14- und dendrochronologischen Untersuchungen nach im Zeitraum zwischen 750 und 815, was sich gut mit den hier vertretenen Lebensdaten deckt. Bei der Untersuchung wurde weiterhin festgestellt, dass durch eine Abnutzung der Knochen im Wirbelbereich die Bewegung des Kopfes vermutlich eingeschränkt und mit Schmerzen verbunden war.


Bilhildis in der Ikonographie

Die älteste Darstellung der hl. Bilhildis befindet sich auf einem Kreuzreliquiar des Jahres 1509 in der Pfarrkirche zu Groß-Steinheim am Main. Dort wird sie als Äbtissin mit Stab und Buch dargestellt. Häufig wird Bilhildis auch als Klostergründerin mit der Altmünsterkirche auf dem Arm dargestellt.

Quelle & Copyright

Thomas Brodehl: Die heilige Bilhildis und das Schweißtuch Christi zu Mainz. In: Johannes A. Wolf (Hrsg.): Der schmale Pfad. Orthodoxe Quellen und Zeugnisse. Band 29 (2009). S. 94-115.

Zweiter Teil des Artikels - das Schweißtuch Christi zu Mainz

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